Bruno ist traurig. Sein Opa ist gestorben, und alle Erwachsenen um ihn herum sagen so merkwürdige Sachen, tun so ernste Dinge, verstehen so gar nichts von ihm. Als sein Papa ihn von der Tante abholt und sagt, dass Opa gestorben sei, sagt Bruno: "Okay", und setzt sich ins Auto. "Geht es dir gut?", fragt sein Papa. "Mir geht’s prima", sagt Bruno. Das war’s. Dem norwegischen Autor Håkon Øvreås reichen in seinem Buch Super-Bruno, das mit dem LUCHS des Monats ausgezeichnet wird, ein paar lakonische Worte, um die Hermetik der Erwachsenenwelt und das machtlose Kind davor zu zeichnen.

Und auch in Brunos eigener Kinderwelt sieht es nicht so super aus. Da sind die drei fiesen Jungs Anton, Ruben und der Sohn des Pastors. Die piesacken und quälen Bruno, machen seine Bretterhütte kaputt und jagen ihn durch die Nachbarschaft. Bis Bruno die rettende Idee hat und die Dinge in seiner Welt in die Hand nimmt.

Wo die Erwachsenen wohl sagen würden: "Sei immer brav du selbst", da ergänzt Bruno im Geheimen: "Außer du kannst Superman sein, dann sei Superman." Bruno wartet, bis seine Eltern schlafen, schneidet sich aus der Sofadecke im Wohnzimmer einen braunen Umhang und schnell noch eine braune Maske, und aus Bruno wird Super-Bruno. Genauer gesagt "Brauno". Ein kleiner Superheld, der durch die nächtliche Dunkelheit zieht und sich seine eigene, magische Realität schafft. Und das Wunderbare an diesem Lausbubenbuch: Es funktioniert. Bruno kann sich rächen, malt drei Jungsfahrräder mit brauner Farbe an. Und nicht nur das: In diesen von ihm verzauberten Nächten trifft er seinen Opa wieder, der ihm von seinen eigenen, nicht immer ganz wahren Super-Abenteuern erzählt.

Die Anarchie steckt an: Brunos notorischer Angeber-Freund Matze verwandelt sich in "Schwarzke", und aus Brunos Freundin Laura wird "Blaura". Die drei genießen ihre neue Macht und schlagen zu. Gar nicht brav, gar nicht magisch, sondern sehr real. Sind eher Cat- als Wonderwoman, eher Bat- als Superman. Sie sind dunkel, hinterhältig, und sie sagen nicht immer die Wahrheit.

Der Illustrator Øyvind Torseter begleitet die Geschichte mit ebenso kraftvollen wie zurückhaltenden Bildern. Als Bruno und sein Papa nach dem Tod des Opas im Auto sitzen, braucht Torseter nur wenige Tintenstriche, um die Trauer, die Stille und die Distanz zwischen den beiden zu erzählen. Beklemmend, aber nicht aufdringlich. Umgekehrt springen Anton, Ruben und der Pastorensohn als witzige Karikaturen von Dorftyrannen sehr lebendig durch die Seiten. Torseter kennt die Kinder- und Familienwelten, die er zeichnet. Der Kabelsalat hinter der Stereoanlage findet sich ebenso in seinen Bildern wie der obligatorische Sitzsack im Kinderzimmer von Laura.

Super-Bruno von Håkon Øvreås ist eine kraftvolle und trotzdem verträumte Geschichte über Eltern- und Kinderrealitäten. Der Autor erzählt sie aus der Perspektive des Kindes und setzt den erstarrten, kalten Sprachfloskeln der Erwachsenen eine nächtliche und magisch-realistische Kinderwelt entgegen. Er vermeidet dabei allzu naheliegende und erwartbare Gut-böse-Zuschreibungen – und das macht die Sache so spannend und überraschend. Die Kinder dieser Geschichte sind eben nicht die Guten und Gerechten, die Erwachsenen nicht die Deppen, von wegen! Es sind am Ende krasse Kinderstreiche, die außer Kontrolle zu geraten drohen.

Die Kinder sind weder klüger noch besser. Aber in einem sind sie ihren "Alten" dann doch voraus: Sie widersetzen sich, sie nehmen die Dinge in die Hand. Für Bruno mit großem Erfolg. Denn durch den superstarken Super-Bruno kann er plötzlich schwach sein und Kontakt zu seinem toten Opa finden. Und am Ende wird er auf die Frage seines Vaters, wie es ihm geht, endlich antworten können: "Ich bin traurig."

Jeden Monat vergeben die ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 2. Juni stellte Radio Bremen das Buch bei Funkhaus Europa vor. Das Gespräch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/luchs.

Håkon Øvreås: Super-Bruno. Ab 9 Jahren; Deutsch von Angelika Kutsch; Hanser Verlag 2016; 144 S., 12,90 €