Überall in der Stadt hängen so schicke Plakate, die dem Vorbeigänger eine wohldosierte Portion Irritation verpassen. Von links nach rechts erstrecken sich da überlappende bunte Streifen. Sie haben gerade genug Dynamik, um trotz ihrer Ausrichtung (quer!) nicht dick zu erscheinen. Rot, gelb, blau und grün, strahlen sie eine kindliche Wuseligkeit aus. Kryptische Coolness hingegen verströmt die Aufschrift mit dem Zweiwortmotto "Pause. Forward."

Pause? Vorwärts? Moment mal. Irritierend ist schon diese Kombination. Müsste es nicht Pause und Play heißen? Sofort entsteigen die entsprechenden Symbole dem visuellen Gedächtnis. Zwei vertikale Rechtecke für Pause, ein nach rechts zeigendes Dreieck für Play – die Nichtmehrganzsojungen werden sich entsinnen, dass es früher auf den iPods entsprechende Schaltflächen gab. Den Schondeutlichälteren fallen womöglich die Knöpfe am Doppelkassettendeck ihrer Stereoanlage ein. So viel zu Fehlschlüssen, denn da steht ja nicht "Play", sondern "Forward". Vorwärts. Was den Gegensatz erst einmal verstärkt: Soll es hier nach der Pause statt im üblichen Tempo umso schneller weitergehen? Das wäre der nächste Fehlschluss. Denn auf dem Plakat steht ja auch nicht "Fast Forward", was im Stereojargon dem "Schnellvorlauf" entspräche und in der Weltsprache Piktogramm zwei nach rechts zeigenden Dreiecken. Forward, aber nicht (zu) schnell, das lässt sich auf den zweiten Blick als Entschleunigungsbotschaft dechiffrieren.

Und längst ist aus dem Vorbeigänger ein Davorsteher geworden. Von wem aber stammt hier überhaupt die Botschaft? Die irritierte Aufmerksamkeit, die das Plakat erzeugt, lenkt es auf eine Veranstaltung, die nicht unbedingt selbsterklärend ist, "TEDxHamburg". (Nur Leute, die statt Fernsehen nur noch Netflix schauen, nicken wahrscheinlich wissend.) TED steht für Technology, Entertainment und Design. Künstler, Wissenschaftler, Unternehmer und Aktivisten präsentieren dort in einem Vortrag eine Idee, kalifornisch lässig, oft eloquent und vor allem in maximal 18 Minuten. Seit einem Vierteljahrhundert finden TED-Konferenzen statt, es gibt inzwischen in mehr als 130 Ländern Lizenznehmer, hierzulande in Berlin, München und Hamburg. Vielen der Vortragenden liegen soziale oder ökologische Innovationen am Herzen. Hinterher kommen ihre "Talks" ins Netz.

Das plakatierte "Forward" muss also im Sinne von Fortschritt verstanden werden, als "Vorwärts". Aber – und damit zur letzten Irritation – müssten die freundlich-bunten Streifen mit ihren playtastenhaften Spitzen dann nicht aufwärtsstreben? Der illustratorische Shift zur Seite ist vielleicht ein utopiekritisches Zwinkern. Oder doch nur ein grafischer Fingerzeig entlang der unerbittlichen Zeitachse. Hasta la utopía siempre?

Tempus fugit jedenfalls, der Plakat-Anstarrer sputet sich .

TEDxHamburg, "Pause. Forward.", 8. Juni, 14 Uhr, Laeiszhalle, (Vortragssprache Englisch), weitere Informationen unter www.tedxhamburg.de