Die Traditionen pflegt heute ja eher das Unterhaltungstheater. Zum Beispiel die aristotelische Einheit von Zeit und Raum: Ein Wohnzimmer und ein einziger Abend unter Freunden reichen der klugen Alltagskomödie, um kritische Fragen aufzuwerfen, die an den staatlich subventionierten Diskursmaschinen gerne übergangen werden. Zum Beispiel: Welche meiner Freunde nerven mich nur noch? Und warum bin ich dann noch mit ihnen befreundet?

Das Abschiedsdinner heißt die Komödie, die vergangenen Freitag im Winterhuder Fährhaus Premiere feierte. An ihr lässt sich schön sehen, welche Möglichkeiten die kleinen, aufs angeblich so Leichte spezialisierten Bühnen heute haben, um zwischen Frauenzeitschriftenkolumnen, launiger Lebensratgeberliteratur und Radiocomedy ihre Daseinsberechtigung zu sichern. Wir sehen auf der Bühne in wunderbar präzise entworfener Wohnlandschaft (an den Edelstahlfüßen der Sofas erkennt man das Milieu der etablierten Stilphilister): das Ehepaar Peter und Katja Vorberg, gespielt von René Steinke und Saskia Valencia. Die beiden wollen ihre durch Kinder, Karriere und Eigentümerversammlungen sowieso schon dahingemetzelte Freizeit nicht auch noch mit Einladungen bei alten Freunden verbringen, auf die sie gar keine Lust mehr haben.

Die Lösung: ein Abschiedsdinner. Man lädt die Freunde noch einmal zu sich ein, bietet ihnen den schönsten Abend, legt ihre bescheuerte Lieblingsmusik auf, kramt die hässlichen Geschenke aus dem Schrank (das Urlaubsmitbringsel aus Afrika, ein Traditionsgewand mit Zebras drauf!). Nur verrät man nicht, dass es das letzte Abendessen sein wird, zu dem man sie trifft. Und wenn sie sich dann in Zukunft wieder melden, sagt Peter Vorberg, dann können wir einfach nicht. "Wir können nie mehr!", schiebt er jubelnd hinterher.

Nach einem kurzen, so scharf wie liebevoll geführten Ehestreit entscheiden die beiden, wen das Scherbengericht zuerst treffen soll: die Rothers! Anton Rother, Peters Schulfreund, ein erfolgloser Schriftsteller und Dauerpromovend, der ständig Ich-weiß-nicht-ob-du-wusstest-Sätze nachlädt und mit arkanem Wissen über Weltmusik langweilt – und seine Frau, die auch sehr anstrengend ist, was der Zuschauer aber nur aus Erzählungen weiß, weil sie gar nicht zum Abschiedsdinner kommt. Anton wird gespielt von Fernsehkomiker Ingolf Lück. In Chucks, weißem Knitterleinen-Sakko und blauem Schal monologisiert er den ganzen Abend hinten aus der Kehle heraus, lacht und brüllt, dass er einem fast leidtut, so anstrengend sieht das aus. Er nickt mit dem Kopf hühnerhaft nach hinten weg, er deeeeehnt die Silben, er nervt, so gut er kann.

Aber unterhält er auch? Das hängt natürlich davon ab, wie zeitgemäß seine Figur von Regisseur Jürgen Wölffer auf die Bühne gebracht wird. Man hätte da ruhig ein bisschen mehr an der französischen Vorlage schrauben können. Denn in Frankreich mag es noch Usus sein, wie Anton zum "Analytiker" zu gehen. 2016 gibt es aber in Winterhude und Eppendorf kaum mehr Analytiker, an ihre Stelle sind längst die Craniosacral-Therapeuten und Systemischen Berater gerückt.

Man weiß das, weil das Fährhaus sich hier mit den anderen Privattheaterstücken messen muss, die jedes Wochenende um die Ecke aufgeführt werden, in Cafés wie dem elbgold oder dem Stockholm Espresso Club. Dort lassen sich die Monologe der echten Rothers belauschen. Und zumindest Lücks Esoterik-Begeisterung und seine überdrehte Ekstase wirken geradezu liebenswürdig, verglichen mit dem selbstgerechten Ich-erkläre-euch-jetzt-mal-wie-das-läuft-Tonfall, in dem Männer Anfang vierzig in Cafés ihre Tischnachbarn traktieren.

Auch wenn Das Abschiedsdinner das nicht konsequent aufnimmt, scheint doch durch, wie die Theater jenseits der renommierten Häuser ihre eigenen Formen und Themen finden können: indem sie auf Sozialreportagen aus der Hyperrealität der Mittelschicht setzen. Denn das wäre doch die angenehmste Art, die Cafégespräche in den neobürgerlichen Vierteln mithören zu dürfen: aus dem sicheren Zuschauerraum.

Weitere Aufführungen: fast jeden Abend um 19.30 Uhr