Was lernen Studenten wirklich in der Uni? Ein Gespräch mit den Bildungsforschern Hans Anand Pant und Olga Troitschanskaia

DIE ZEIT: Sie messen mit Ihrem Forschungsprojekt, was Studenten während ihres Studiums lernen. Dafür bräuchten Sie sich doch nur deren Klausuren und Hausarbeiten anzuschauen!

Hans Anand Pant: Das, was Professoren mit Klausuren zu messen glauben, basiert häufig nur auf ihrem Gefühl. Oft verschwenden sie keine Gedanken daran, ob ihre Fragen die erworbenen Fähigkeiten der Studenten valide messen. In der Regel haben sie auch nie gelernt, Prüfungen zu konzipieren.

ZEIT: Ein "sehr gut" in der Prüfung heißt also nicht, dass ich viel gelernt habe in meinem Fach?

Pant: Nicht unbedingt. Wenn ich die Klausuren, die ich meinen Studenten in den Erziehungswissenschaften stelle, statistisch auswerte, bin ich immer wieder überrascht. Gelegentlich ziele ich daran vorbei, zu ermitteln, ob die Studenten eine Sache wirklich verstanden haben. Dabei habe ich mich als Bildungsforscher jahrelang mit Kompetenzmessung beschäftigt.

ZEIT: Sind Klausuren also Unsinn?

Olga Troitschanskaia: Zumindest sagen sie oft nicht viel über faktische Lernergebnisse aus. Die meisten Prüfungen testen nur die Fähigkeit, auswendig zu lernen. Wenn sie besser sind, testen sie die Fähigkeit zur Transferleistung, also das Gelernte in einen anderen Kontext zu übertragen. Ob die Studenten die Kompetenz haben, das Wissen konkret anzuwenden, ermitteln sie in der Regel nicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016.

ZEIT: Aber es gibt doch "Modulhandbücher" für jedes Fach, in denen exakt beschrieben ist, welche Kompetenzen die Studenten erwerben müssen.

Troitschanskaia: Modulhandbücher enthalten viel Lyrik. In der Praxis wird an den Universitäten viel zu häufig träges Faktenwissen vermittelt. Wir haben in unserem Programm Lehrmaterial aus 250 Hochschulen analysiert. Die meisten Prüfungsaufgaben basieren auf Lehrbuchwissen – egal ob in Ökonomie, Sozialwissenschaften oder Pädagogik. Die Prüfungen sind fast alle inhalts- und nicht kompetenzorientiert.

ZEIT: Was ist falsch daran, Faktenwissen zu vermitteln und abzufragen?

Troitschanskaia: Nichts, nur bringt es wenig, wenn man mit dem Wissen nichts anzufangen weiß. Dann vergisst man es schnell wieder. Wir haben Studenten der Wirtschaftswissenschaften die Aufgaben zu ökonomischen Grundlagen aus dem ersten Semester nach dem dritten und fünften Semester noch einmal vorgelegt. Nach einem Jahr hatten sie den Stoff größtenteils vergessen, die Ergebnisse ein weiteres Jahr später sind noch schlechter. Dabei gingen die Studenten weiterhin zur Uni: Ihr Grundlagenwissen hätte sich vermehren müssen.

ZEIT: Ist man also nach der Uni nicht klüger als vorher?

Pant: Zumindest wissen wir, dass sich die Prüfungen und die Lehre an der Universität verändern müssen. Bei Klausuren in der Lehrerausbildung könnten wir etwa kurze Videos einsetzen: Zunächst sieht man einen gestellten Störfall in einem Klassenzimmer, dann unterschiedliche Reaktionen des Lehrers. Die Studierenden müssen in ihrer Klausur die unterschiedlichen Strategien des Pädagogen erklären. So müssen sie beweisen, dass sie die Theorien anwenden können.

Troitschanskaia: In der BWL könnten es mehr Szenarien sein: "Drei Abteilungen haben Ihnen Berichte zusammengestellt: über Ihr Personal, die Rohstoffpreise, die Finanzmarktströme. Ihr Absatz in Ostasien ist um 15 Prozent eingebrochen. Wie analysieren Sie die Situation, und welche Maßnahmen leiten Sie ein?"

ZEIT: Das klingt aufwendig.