Der Weg in den Abgrund ist von Blumen gesäumt. Sie schmücken in prachtvollen Farben die Tafel bei einem Festessen zu Ehren Stefan Zweigs, der vor den Nazis nach Brasilien fliehen musste. Der Bürgermeister eines kleinen Dorfs inmitten von Zuckerplantagen überreicht Zweigs junger Frau Lotte ein ganzes Bündel von ihnen. Die gibt die Blumen nach einer Weile an den Übersetzer weiter – mit den Worten, sie seien ganz schön schwer. Schön und schwer, ja ein wenig schwermütig ist auch der Film Vor der Morgenröte, den Maria Schrader über die letzten Exiljahre des österreichischen Schriftstellers gedreht hat.

Die Schauspielerin debütierte 2007 mit der Verfilmung von Zeruya Shalevs Roman Liebesleben als Regisseurin. Ihr zweiter Film kreist um das Verhältnis von Literatur und Politik. Zu Beginn zeigt die Kamera Stefan Zweig 1936 in Buenos Aires, umringt von einer Schar Journalisten. Er weigert sich, trotz mehrfacher Nachfrage, gegen Deutschland zu sprechen. Er meint, nicht aus Hass, sondern nur aus einem positiven Gedanken heraus schreiben zu können, hält jede Widerstandsgeste, die nichts kostet, für selbstgefällig und verficht eine strikte Trennung von Literatur und Politik. Auf dem anschließenden 14. Schriftstellerkongress ist der PEN-Club indes anderer Ansicht. Irritiert beobachtet Zweig, wie seine Kollegen gegen das NS-Regime mit Pomp und Pathos andonnern. Auch aus seiner ideellen Heimat, der Literatur, erscheint er in dieser Szene wie vertrieben.

In sechs Episoden, die mit wenigen Schnitten auskommen, kreist der Film um die Zerrissenheit Stefan Zweigs, der überall, wo er hinkommt, gefeiert wird und doch verloren wirkt. Zweig ist die Liebenswürdigkeit in Person, wenn er mit Lotte (Aenne Schwarz), den Freunden, der Haushaltshilfe, den vielen Bewunderern spricht. Wendet er sich aber ab oder schaut aus dem fahrenden Auto auf diesige Hügel, wird sein Gesicht selbst zur Landschaft. Zu einer Landschaft aus Trauer, gefurcht, gekerbt, schraffiert, die Augen darin wie dunkle Seen. Wie er etwa einer Blaskapelle schwarzer Musiker lauscht, die ihm zu Ehren in den Tropen den wohl schrägsten Donauwalzer aller Zeiten spielen, und seine anfängliche Begeisterung in Bestürzung umkippt, weil ihm die scheppernde Musik Takt um Takt einhämmert, dass seine geliebte Welt von gestern unwiederbringlich dahin ist: Das mitanzusehen tut dank der Kunst des österreichischen Schauspielers Josef Hader geradezu weh.

Dennoch wahrt der Film Distanz zu seinem Protagonisten. Vor allem in einer Episode, in der Zweig seine erste Frau Friederike (gespielt von der großartigen Barbara Sukowa) Anfang 1941 im verschneiten New York wiedertrifft. Neun Monate war sie auf der Flucht, bevor sie durch die Hilfe ihres Ex-Mannes mit einem Spezialvisum in letzter Minute aus Europa herausgekommen ist. Den Klagen von Zweig, dass er sich aufreibe in den Konsulaten Süd- und Nordamerikas, um Affidavits für verfolgte Freunde und Bekannte zu bekommen, und keine Ruhe und Zeit mehr finde zum Schreiben, begegnet sie mit verhaltenem Ärger, mit bebender Stimme. Ihr unerschöpfliches Verständnis für den einst und wohl immer noch geliebten Mann, dem sie ihre Flucht verdankt, kann schwerlich ihrem impulsiven humanistischen Verantwortungsgefühl die Waage halten: Schreiben! Als ob es jetzt darum ginge ...

Stefan Zweig, Friederike reibt es ihm unter die Nase, ist von allen Exilanten einer der privilegiertesten. Das macht den Suizid von ihm und Lotte in der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942 in seinem Haus im brasilianischen Petrópolis nur umso rätselhafter. Vor der Morgenröte findet eine kluge filmische Lösung, diesen Tod wie nebenbei und indirekt ins Bild zu setzen, und das weist auf wunderbare Weise zurück auf das Leben und die Überzeugungen des Schriftstellers. Denn auch Zweig hielt nichts von Direktheit. Den Nazis mit Polemik entgegentreten? Nein. Der "hohe inhaltliche Wert" eines Werkes, so sagt er auf dem Schriftstellerkongress en passant einem Journalisten, "das könnte eine Antwort sein".

Der Film selbst kennt keine Antworten. Er ist schwer deutbar. Maria Schrader weigert sich, mit Zweig gesprochen, "das Wort an das Schlagwort zu verraten". Aber man darf wohl Vor der Morgenröte als indirekte Thematisierung der sogenannten Flüchtlingskrise auffassen, als eine künstlerische Antwort auf diese Katastrophe, als einen Versuch, unsere Sensibilität zu schärfen, unser Mitgefühl zu stärken. Vielleicht sind sogar die gelegentlichen Längen des Filmes – bedingt durch das unter seiner Informationslast manchmal knirschende Drehbuch und die offene Episodenform – eine bewusste Aussage: So verläuft das Leben im Exil! Es tritt auf der Stelle, wenn der Kompass verloren gegangen ist, vom Abgrund immer nur einen Schritt entfernt.