DIE ZEIT: Herr Trepoll, alle paar Jahre wollen die Hamburger ihr Wahlrecht ändern, warum fangen Sie in der CDU nun schon wieder damit an?

André Trepoll: Wir haben mehr ungültige Stimmen als früher, wir haben eine geringere Wahlbeteiligung. Das ist für uns nicht "Mehr Demokratie" im Sinne von Herrn Brandts Verein, sondern das Gegenteil. Deshalb glauben wir, dass unser Wahlrecht zu kompliziert ist und wir das ändern müssen.

Manfred Brandt: Das ist eine Beleidigung der Wählerinnen und Wähler. Ich finde, es geht zu weit, den Leuten immer zu unterstellen, dass sie überfordert sind. Das Hamburger Wahlrecht ist nicht kompliziert im Vergleich zu anderen Wahlrechten. Sie haben zweimal fünf Stimmen, die Parteien machen die Kandidatenvorschläge, und wenn sie dann qualifizierte Kandidaten aufstellen, ist es wunderbar.

ZEIT: Der letzte Wahlzettel war ein Buch mit vierzig Seiten. Können Sie sich vorstellen, dass das abschreckend wirkt?

Brandt: Nein, die Leute bekommen das ja vorher nach Hause geschickt und können sich damit befassen. In Frankfurt können hundert Kreuze verteilt werden, in München achtzig, die Leute können damit umgehen. Klagen, wie wir sie hier in Hamburg haben, sind da überhaupt nicht bekannt.

Trepoll: Bei der letzten Bürgerschaftswahl hatten wir mehr als 800 Kandidaten. Und was ich am häufigsten am Infostand gehört habe, war: Ich kenne da ja keinen von.

ZEIT: Bei der letzten Wahl trat ein einziger Kandidat an, Olaf Scholz, zu dem eine Mehrheit der Bürger überhaupt eine Ansicht hatte. Über alle anderen haben mehr als 50 Prozent gesagt "kenne ich nicht" oder "kann ich nicht beurteilen". Wozu legt man solchen Wählern Wahlzettel mit Hunderten von Namen vor?

Brandt: Es ist Sache der Parteien, ihre Kandidaten bekannt zu machen. Das haben sie – mit oder ohne Absicht – nicht in ausreichendem Maß gemacht.

ZEIT: Herr Trepoll, wie viele Menschen, glauben Sie, können mit Ihrem Namen etwas anfangen?

Trepoll: Nach der letzten Umfrage war das ein knappes Viertel der Hamburger, wobei ich glaube, dass die Menschen sich für Namen noch stärker interessieren, wenn eine Wahl ansteht.

ZEIT: Herr Brandt hat demnach recht – der einzelne Politiker kann sich einen Namen machen.

Trepoll: Wir reden hier von einem einzigen an der Spitze einer Fraktion. Sonst erzielen nur Leute mit besonders herausgehobener Position landesweit gute Ergebnisse. Bei uns zum Beispiel Joachim Lenders als Vorsitzender der größten Polizeigewerkschaft, der schon jahrelang diese Funktion ausübt und einen sozial hoch angesehenen Beruf hat, nämlich Polizist. In anderen Fraktionen sind es Kollegen mit Migrationshintergrund, Herr Ilkanipour bei der SPD, der in der iranischen Gemeinde sehr viel arbeitet und wirkt, Frau Güçlü als Vorsitzende der türkischen Gemeinde, Frau Özdemir als Vertreterin kurdischer Migranten. Nur über solche partikularen Interessen können Sie überhaupt erreichen, dass Menschen Sie wahrnehmen und von den anderen unterscheiden.

Brandt: Dann machen Sie doch endlich mal eine Wahlkreisbroschüre, wo die einzelnen Kandidaten sich auf einer halben Seite vorstellen!

Trepoll: Dann müssen Sie die Angaben überprüfen. Ist der Kandidat überhaupt Sanitäter, wie er da angibt? Stimmt das alles, was er da schreibt?

Brandt: Sie kennen einander doch gut genug.

ZEIT: Kann es sein, dass sich die Parteien viel zu wenig unterscheiden?

Trepoll: Vor der letzten Bürgerschaftswahl mag das in der öffentlichen Wahrnehmung so gewesen sein. Aber Sie sehen an unserem engagierten Oppositionskurs, dass wir jetzt versuchen, den Unterschied zum rot-grünen Senat deutlicher zu machen.

ZEIT: Was ich als Wähler mit meinen zehn Stimmen bewirke, ist nicht ganz einfach zu verstehen. Bei einer Anhörung der Bürgerschaft hat ein Experte gesagt, dazu brauche es ein politikwissenschaftliches Seminar.

Brandt: Ich kenne ja den guten Mann, den Sie da zitieren. Und irgendwie blendet er aus, dass das woanders gut funktioniert.

ZEIT: Können Sie einem Wähler mit mäßig guten Deutschkenntnissen erklären, was er für das Wahlergebnis bewirkt, indem er seine Personenstimmen Olaf Scholz gibt?

Brandt: Ich gehe jetzt mal von dem Wahlrecht aus, wie wir es im Volksbegehren 2009 vorgeschlagen haben. Das ist sehr einfach: Sowohl im Wahlkreis als auch auf der Landesliste wählst du mit deiner Stimme immer zugleich eine Partei und einen Kandidaten. Je mehr Stimmen ein Kandidat bekommt, desto wahrscheinlicher wird er weiter nach vorn gewählt. Wer die meisten Stimmen hat, kommt zuerst rein.