Das Buch mag verschwinden, der Text bleibt. Es wurde ja viel darüber berichtet, dass manche Menschen heutzutage ihre Bücher lieber wegwerfen, als sie aufzubewahren. Als Zeichen der Belesenheit hat das Bücherregal ausgedient. Das ist aber nicht der Digitalisierung oder dem Serienglotzen auf Netflix anzulasten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016.

Denn wer so argumentiert, übersieht einen gegenläufigen Megatrend aus dem Bereich der Inneneinrichtung: Wandtattoos. Das Bedürfnis, sich mit Text zu umgeben, bleibt ungebrochen. Ein durchschnittlich eingerichteter Haushalt kompensiert die durch Bücherentsorgung wegfallende Textmenge problemlos mit diesen großen Aufklebern. Ist ja auch logisch: Wo einst das Bücherregal an der Wand hing, entsteht nun viel Platz für Sinnsprüche und andere verschriftlichte Schrecklichkeiten, die vom Innersten ihrer Besitzer künden. "Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden" oder "Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus" teilen sie uns mit. Über dem Küchentisch erinnern sie daran: "Essen ist ein Bedürfnis, genießen ist eine Kunst".

Die bleibende Sehnsucht nach Text drücken selbst bucharme Haushalte zudem durch ironisch gebrochene Kaffeetassen aus ("Der frühe Vogel kann mich mal"), lustig bedruckte Sofakissen ("Komm kuscheln"), Türschilder ("Hier leben, lieben und lachen ..."), Duschvorhänge ("Tropical Sun & Wellness") und Fußmatten ("My home is my castle"). Lauter Kurzbotschaften, ein bisschen wie Twitter in analog und interessant auch für jenen Typ Mensch, der früher überall Post-its mit Anweisungen für Besucher hingepappt hat.

Lang lebe der Kurztext. Zur echten Literatur ist es zwar ein langer Weg, aber auch dieser beginnt mit dem ersten Schritt. Außerdem könnte man die häuslichen Botschaften der Interieur-Designer ja vielleicht mal zusammenfassen und psychologisch ausdeuten. Der Stoff reicht locker für ein Buch.