König Ludwig II. zog Ende der siebziger Jahre in die Wohnung meiner Eltern ein, das belegen alte Fotos. Auf ihnen ist er neben einer Biedermeier-Kommode zu sehen, wirkt jugendlich und frisch und guckt optimistisch in die Zukunft. Vom düsteren Schicksal, das ihn erwarten sollte, ahnte er wohl noch nichts.

Später hing Ludwig – eingesperrt in einen silberfarbenen und mit vielen Ornamenten verzierten Holzrahmen – im Flur des elterlichen Reihenhauses. Also, meistens hing er. Manchmal aber fiel er auch herunter: Bei jeder zweiten Sturmfrei-Party, die meine Schwester, mein Bruder und schließlich auch ich veranstalteten, kam ein wegen Alkoholkonsums oder hormoneller Schwankungen indisponierter Gast gegen den Bilderrahmen. Und da dieser nur mit einer Öse recht wackelig auf einem Nagel saß, klatschte Seine Majestät dann auf die Treppe. Er brach sich dabei zwar keinen Zacken aus der Krone, doch jedes Mal platzten einige Ornamente vom Rahmen. Viele wurden von den verschwitzten Socken Pubertierender fortgerissen, andere konnte Muttern wieder ankleben.

Als meine Eltern etliche Jahre später umzogen, nun ohne uns Kinder, wollten sie Ludwig nicht mehr mitnehmen. Sein Antlitz war verblasst, der Rahmen drum herum mehr Leim als Holz. Ich erbarmte mich, adoptierte den König und hängte ihn in meine Wohnung. Ludwig konnte etwas verschnaufen, sein Verfall schritt nun deutlich langsamer voran.

Doch dann vermehrte ich mich, zog in eine größere Wohnung und stellte ihn beim Einzug im Flur ab. Dort blieb Ludwig. Bis das Männlein, das nun bei uns wohnt, das Krabbeln erlernte. Quasi sein erster Weg führte meinen Sohn in den Flur, zu Ludwig. Es krachte. Holz splitterte. Dass die Jugend rebelliert und Monarchen stürzt, ändert sich wohl nie. Dass die ältere Generation sich anschließend in Restauration übt, auch nicht.

Nun bin ich es, der versucht, die alte Ordnung wiederherzustellen, mit einer Tube Leim in der Hand.