Komische Frage beim Reservieren: Aus welchem Anlass man komme. Hm ... wegen des Essens vielleicht? Das soll doch sehr gut sein bei Ihnen. Kein Anlass, notiert der Kellner.

Einmal angekommen, begreift man. Das Witthüs ist wie gemacht für Familienfeste: ein Reetdachhaus aus dem 18. Jahrhundert am Rand des Hirschparks. Man mäandert durch akkurat gestutzte Buchsbaumhecken, neigt das Haupt vor der Büste des Dichters Hans Henny Jahnn, der hier seine letzten Jahre verbrachte, und tritt dann ein in eine Raum gewordene Geburtstagstorte. Weiße Wände, Kerzenlicht, Rosenblätter auf den Tischtüchern.

Die Gäste sehen durchweg aus, als hätten sie was zu feiern. Zwei Herrschaften sitzen auf Stühlen mit silbernen Schleifen; sie konnten als Anlass vermutlich die Silberhochzeit nennen. Wobei hier auch die Anlasslosen sehr freundlich behandelt werden. Zuvorkommend ist das Wort, das sich in dieser Umgebung aufdrängt. Mitunter kommen die Kellner sogar einander zuvor. Dann nickt der, der den Teller aufträgt, dem, der das Tablett hält, zu: "Vielen Dank, Herr Schumann!" – "Ich danke Ihnen!"

Restaurantführer loben das Witthüs als Bollwerk norddeutscher Gastlichkeit. Die Küche legt das hanseatisch weltoffen aus. Wer will, bekommt hier auch Risotto oder Spaghettini. Ernst genommen allerdings wird die Saison. Beim Dessert die unvermeidliche Mischung von Erdbeere und Rhabarber, als Fisch die gewohnte Maischolle mit neuen Kartoffeln. Und natürlich Bärlauch, dieses reichlich derbe Kraut, um das seit ein paar Jahren viel Gewese gemacht wird. Hier liegt es recht dezent als Kruste auf einem Kalbsfilet mit Kartoffel-Möhren-Gratin und, Überraschung!, Pak Choi. Noch besser, noch überraschender: die Limonenklößchen in der Frühlingslauch-Schaumsuppe, die bei aller Fluffigkeit die Laucharomen vertiefen.

Das sind nur Akzente, doch man merkt, mit welcher Sicherheit sie gesetzt sind. Zu danken ist es Suresh Sivalingam, dem langjährigen Küchenchef. Er stammt aus Sri Lanka, hat aber keine Lust auf Ethnoküche, mit der sich in Hamburg noch kaum jemand einen Namen gemacht hat. Darum hält er es wie Kethees Karalasingam vom Momento Di in Harburg, Suman Kumar vom Casa di Roma in St. Georg oder andere ambitionierte Kollegen vom indischen Subkontinent und kocht, was am besten schmeckt. Ihm, sagt er, schmecke Wiener Schnitzel so gut wie Curry oder Spaghetti Carbonara. Warum sich also einschränken?

Darum kann der Spargelfan im Witthüs derzeit wählen: Er bekommt ihn als sehr feine Essenz, nur ganz leicht verfremdet durch die Einlage von Spargel-Ravioli. Er kann ihn sich aber auch weit nach Osten abheben lassen: in einem federleichten Flan mit Ingwer-Garnelen und scharfem Mango-Confit. Das Zweite ist sicher die bessere Wahl, wenn Onkel Egon gerade an sein Glas klopft, um zur Lobrede auf das Brautpaar und die Ehe überhaupt anzuheben.

Auch die bürgerliche Küche bewegt sich ja. Dass sie es hier ein wenig schneller tut, hält nicht nur die einzelnen Gänge, sondern das ganze Witthüs lebendig. So nickt der Gast nach Art des Hauses in Richtung Küche: Vielen Dank, Herr Sivalingam.

Witthüs, Elbchaussee 499a (im Hirschpark, Einfahrt Mühlenberg), Nienstedten. Tel. 86 01 73, www.witthues.com. Geöffnet dienstags bis sonntags von 19 bis 23 Uhr, tagsüber Kaffee und Kuchen. Menü ab ca. 30 Euro