Das Nashorn gehört zu den erschütterndsten Lebewesen dieser Welt. Die Masse und die Kraft, das undurchdringliche Schweigen dieses Körpers, das schöne monochrome Grau. Keine vulgären Muster! Das Nashorn steht da wie aus Grauguss seit Urzeiten, und wirklich waren für fünfzig Millionen Jahre seine Vorfahren die erfolgreichsten Säugetiere der Erdgeschichte. Sie begannen im Eozän ungefähr mit der Größe eines Schäferhundes und steigerten sich im Miozän zum größten jemals lebenden Säugetier, dem langhalsigen Paraceratherium. Heute gibt es, täglich von asiatischen Wilderern bedroht, gerade noch 25.000 Tiere, wenn man die Exemplare aller Arten zusammenzählt. Was hat das Nashorn uns getan?

Eine Zeit lang ging ich fast wöchentlich in dem bedrückend kleinen Frankfurter Zoo an einem noch bedrückender kleinen Gehege vorbei. Jedes Mal stand schräg zum Zaun, den Kopf aber parallel am Gitter ausgerichtet, ein Nashorn; ich weiß nicht mehr, ob es ein oder zwei Hörner trug, ein Spitzmaul-, Breitmaul- oder Panzernashorn war. Aber ich weiß noch, dass es von meinem zweiten Besuch an ein leichtes, kaum hörbares Schnaufen vernehmen ließ, wann immer ich vorbeikam. Dieses Schnaufen galt exklusiv mir; denn die aufgeregte Frankfurter Mutter, die mit ihren Kindern unablässig von den gerade besichtigten Tigerbabys schwärmte ("ei, die Zwerschtischä"), bekam kein Schnaufen geschenkt und auch der Professor nicht, der seinen Studenten, vielleicht waren es auch nur Touristen, mit gellender Stimme eine anatomische Besonderheit in den Block diktierte. Das Nashorn wich vor dem Professor zwei Schritte zurück. Dann machte es drei Schritte seitwärts und richtete sich wieder am Zaun aus, so nahe bei mir wie möglich.

Vielleicht wollte mich das Nashorn mit dem Schnaufen begrüßen, vielleicht wollte es seufzen und mich an der Bitterkeit seines Schicksals teilhaben lassen, vielleicht wollte es mich beruhigen ("Ja, wir kennen uns doch") oder sich selbst beruhigen, indem es sich auf die harmlose Wiederholtheit der Begegnung hinwies ("Nur wieder der von neulich"). Jedenfalls bin ich sicher, dass es mich hörte oder roch, denn von Sehen wird man bei Nashörnern wohl kaum sprechen können. Oder rückte es so nahe heran, um auf der schwachen Netzhaut doch einen Umriss empfangen zu können? Ich versuchte ein leises Brummen. Das Nashorn ließ sein linkes Ohr eine Vierteldrehung machen und schnaufte. Ich hätte es gerne gestreichelt, was indes die weisen Väter des Frankfurter Zoos durch den Zaun zu verhindern gewusst hatten. Fürchteten sie die Verbrüderung? Die entsetzliche Verlorenheit des Nashorns in seinem Frankfurter Gefängnis hat mich seither nie wieder losgelassen, und doch wird man wohl sagen müssen, dass es dort wenigstens in Sicherheit war.

Die Nashörner in unseren Zoos befinden sich in einer Art Schutzhaft, die sie vor der mörderischen Gier der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) bewahrt. Der medizinische Aberglaube, der auch hierzulande Anhänger hat, bedeutet nicht weniger als die endgültige Vernichtung dieser Tiere. In den Savannen Afrikas, selbst in den letzten Urwäldern Javas lauern die chinesischen oder vietnamesischen Scharfschützen, die das Horn ernten wollen, das als Pulver alles Mögliche und neuerdings sogar Krebs heilen soll. Mehr als ein Gramm Gold kostet ein Gramm von dem Horn. Wird es ein Mittel gegen die Niedertracht geben? Wahrscheinlich nicht. Aber ich schwöre: Gäbe es eine Chance, den entgegengesetzten Aberglauben zu etablieren, wonach ein Pulver aus den getrockneten Gurgeln der Naturheilpfuscher die Menschheit von ihrer Bosheit kurieren könnte, ich würde die Chance nutzen.

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