Die Zeitschrift ist fast werbefrei. Geld nimmt Compact fast ausschließlich über kleine Einlagen von privaten Teilhabern ohne Mitspracherecht und den Verkaufspreis von 4,95 Euro ein. Doch laut den bisherigen Jahresbilanzen der Verlags-GmbH, die der ZEIT vorliegen, schrieb das Unternehmen aus dem brandenburgischen Werder seit seiner Gründung vor allem Verluste. Die Wirtschafts-Auskunftei Creditreform warnt vor der Zusammenarbeit, "eine Geschäftsverbindung ist Ermessenssache". In einer aktuellen Auskunft bescheinigt sie dem Unternehmen nur eine "sehr schwache Bonität". Lange wurde das Heft billig in Polen gedruckt. Produziert wurde es in Elsässers Altbauwohnung in Leipzig, echte Redaktionsräume gibt es nicht. 2014 wies der Verlag erstmals einen mageren Gewinn von 30.000 Euro aus.

Dagegen erhielt der Verlag noch im Geschäftsjahr 2013 ein Darlehen über 100.000 Euro. Das Geld stamme laut Jahresabschluss von einer oder mehreren Personen und nicht von einer Bank, so interpretiert der Bilanzexperte einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft auf Anfrage die Unterlagen. Die genaue Herkunft des Geldes ist jedoch unklar.

Oft wird Compact eine Finanzierung durch die russische Regierung unterstellt. Schließlich versucht der Kreml auch auf anderen Wegen mit seiner Desinformationsstrategie die deutsche Öffentlichkeit zu beeinflussen. Doch trotz mehrmonatiger Recherchen fanden sich unter Compact-Mitarbeitern, Mitgründern, Geschäftspartnern, Konkurrenten, Autoren, Weggefährten des Chefredakteurs, bei deutschen Geheimdiensten, bei russischen Priestern und Thinktanks sowie bei Propagandavereinen des Kremls keine Hinweise auf russisches Geld bei Compact.

Es ist nicht so, dass Chefredakteur Jürgen Elsässer die Rubel aus Moskau nicht angenommen hätte. Vor zwei Jahren berichtete er in kleiner Runde auf einer Bootsfahrt auf dem Rhein über ein Buchprojekt: "Wir haben gedacht, wenn wir so etwas vorhaben, dann kriegen wir Unterstützung vom Kreml. Wir waren bei der Botschaft. Wir haben gedacht, wir kriegen da vielleicht Geld." Doch scheinbar hatte die russische Seite kein Interesse.

Gerne hätten wir mit den Verantwortlichen über die Finanzierung des Magazins gesprochen, doch weder Verleger Kai Homilius noch Chefredakteur Elsässer wollten mit der ZEIT reden. Der Verleger ließ sich über Wochen am Telefon verleugnen. Jürgen Elsässer antwortete auf unsere Anfragen schriftlich: "Es sollte sich langsam herumgesprochen haben, dass wir dem Mainstream keine Interviews geben." Das Magazin, das als Dialogprojekt gestartet war und anfänglich sogar Autoren wie Roger Willemsen und Egon Bahr für sich gewann, verweigert den Dialog. Seine Anhänger erreicht es umso besser. "Es ist gar nicht so wichtig, welche Themen konkret jeden Monat verhandelt werden", sagt Frank Höfer, ein ehemaliger Compact-Mitarbeiter der ersten Stunde. "Compact bedient eher ein Lebensgefühl." Viele Texte stammen aus Büchern von rechten Verlagen. Oder der Chefredakteur schreibt sie gleich selbst.

Jürgen Elsässer ist das Gesicht des Magazins, die treibende Kraft hinter dem Projekt. Er entscheidet das Grundsätzliche, mit vielen Mitstreitern hat er sich überworfen. Sie mussten gehen, Elsässer blieb. Und lässt wenige Möglichkeiten aus, sich öffentlich zu präsentieren.

Magdeburg im März, drei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Compact bittet Leser und Sympathisanten an diesem Abend zu einer Veranstaltung namens "Compact Live, die AfD vor dem Durchbruch". Als Gastredner tritt neben Chefredakteur Jürgen Elsässer auch André Poggenburg auf, der Spitzenkandidat der AfD.

Vor der Halle stehen Polizisten in Montur, Kamerateams sind gekommen, sogar aus Irland und der Schweiz. Viele Männer stehen an, wenige Frauen, graue Haare und Glatzen, die jungen mit Tattoos und ausrasiertem Nacken, die alten mit wüsten Frisuren und ausgewaschenen Jeans. Hier verbrüdert sich das Magazin Compact mit der AfD.

In den achtziger Jahren engagierte sich Jürgen Elsässer zuerst bei den Grünen, dann beim Kommunistischen Bund (KB). Schon damals habe er ein Talent zur Zuspitzung gehabt, sein Spitzname lautete "Der kleine Denker mit den großen Worten", erinnert sich ein KB-Weggefährte. Elsässer suchte Streit innerhalb der Linken, er wollte schon damals eine Massenbewegung schaffen, eine Revolution starten. Mit der Wiedervereinigung wurde er zum Mitbegründer der antideutschen Strömung innerhalb der radikalen Linken, sie richtete sich gegen den neu erwachten deutschen Nationalstolz. Elsässer, so erzählt er es in Magdeburg auf der Bühne, hat schon die Grünen gewählt und die DKP, die Linke und die Piraten, nun also die AfD. Seine Rede beginnt er mit einem Bekenntnis: "Mein Name ist Jürgen Elsässer, ich bin Deutscher, und ich werde verhindern, dass unser Land vor die Hunde geht."

Zuvor hatte AfD-Kandidat André Poggenburg in seiner Rede müde Wahlkampfphrasen aufgesagt und sich beim "lieben Jürgen" bedankt für die wohlwollenden Berichte von Compact. Elsässer trägt einen schwarzen Anzug, blond-graues gescheiteltes Haar, in weichem Schwäbisch hält er seine schäumende Rede. Er spricht von einem "Völkervernichtungsprogramm" zwischen Lissabon und Wladiwostok, wähnt Angela Merkel im Führerbunker und im "Erdodarm". Die Zuhörer klatschen, Elsässer hat sie sofort im Griff, er ist der Star des Abends. Zum Abschluss zitiert er die deutsche Nationalhymne. Die schweigende Mehrheit, sagt er, brauche eine Stimme wie Compact, und die schweigende Mehrheit brauche eine starke Partei. Einmal verzichtet er sogar ganz auf Distanz und sagt "Wir", als er die AfD meint.