Was ist eine Stadt? Ein paar dreckige U-Bahn-Waggons, der Feierabendstau auf den Ausfallstraßen, vielleicht zwei verfeindete Fußballvereine und ein Dutzend eingebildete Eigenheiten.

Vor allem aber ist jede Stadt, so geht die wahre Floskel, die von Osnabrück bis New York City bemüht wird, immer ein Ort der Gegensätze. Deswegen reichen die eingebildeten Eigenheiten und die Fußballvereine auch nie, um die Stadt zusammenhalten. Sie würde sofort in ihre Einzelteile zerfallen, in Stahlträger, Beton, Grünflächen, in Arm und Reich, oben und unten. Wenn es nicht eine Handvoll Lieder gäbe, Sätze, vielleicht auch nur Wörter, um alles zu verbinden.

Hamburg hat mit diesen Zusammenhalt in den letzten Jahren ein Problem gehabt, der alte Jargon jedenfalls aus "Digga" und "derbe" war zur Kapuzenpulliaufschrift für Touristen geworden, die Hamburg-Hymnen zur Schallplattensammlung verkommen, und der Hip-Hop, einst der große Sätze-Lieferant an der Elbe, fand anderswo statt. So schien es jedenfalls. Bis zum vergangenen Freitag, als in ganz Deutschland kurz die Internetleitungen durchbrannten, weil die Beginner, jene legendäre Hamburger Rap-Crew, ihren ersten neuen Song seit 13 Jahren mit zugehörigem Video ins Netz stellten.

Ein Beat bläst einem um die Ohren, als stände man gesundheitsschädlich nah am Nebelhorn eines Containerschiffs. Jan Delay, der jetzt wieder Eizi Eiz heißt, posiert am Hafen und rappt: "Für die Obernerds und die saufenden Proleten / Die Messdiener, Crackdealer, Alt-68er". Die Beginner wollen noch mal die Gegensätze, alles "vom Eppendorfer Weg bis zur Beatstreet" in einem Flow auflösen, in einem Reim, einer coolen Pose und einem Wort, dem Titel des Tracks: Ahnma.

Beim Refrain rast die Kamera durch die Stadt und landet bei einem Typen in Trainingshose und hochgeschlossenem Lacoste-Krokodil-Polohemd. Er zuckt mit dem Kopf wie einer, dem der Schanzen-Hipster lieber aus dem Weg geht. Gzuz nennt der Rapper sich, ausgesprochen wie englisch Jesus, nur mit allen Silben so raspelkurz, wie er die Haare an den Seiten trägt. Mit einer Stimme, als habe er sein Leben lang nichts anderes als Asphalt gefrühstückt, rappt er die Zeilen, die man hier unbedingt in Großbuchstaben schreiben muss: "WAS LOS DIGGA AHNMA / WIE WIR GUCKEN, WIE WIR LABERN / JEDER SAGT DIGGA HEUTZUTAGE / WIR PACKEN HAMBURG WIEDER AUF DIE KARTE".

Die Beginner, und damit irgendwie auch Hamburg, haben sich für ihr Comeback einen von der Straße geholt, einen Typen aus dem anderen St. Pauli, Mitglied der Rap-Crew 187 Strassenbande, Knastbruder, Hamburgs Antwort auf den Gangsta-Rap aus Berlin, Offenbach und Bonn.

Am Ende des Videos steht die ganze Old-School-Bande – Samy Deluxe, Ferris MC, Deichkind – auf dem Dach des Hochbunkers, nur Gzuz nicht, der hat dort Hausverbot. Stattdessen haben sie ihn, mit freiem Oberkörper und den Armen in der Luft, aufs Bismarck-Denkmal montiert. Kein schöneres Bild hätte man finden können, um die Gegensätze zu zeigen und zu feiern, die alte Schule und die neue Härte.

Den Platz da oben auf dem alten Bismarck hat Gzuz sich verdient. Er ist es, der Hamburg an diesem Wochenende wieder auf die Karte gepackt hat, die Gegensätze eindampft, indem er Old-School-Jargonwörter verkürzt und entstaubt: "Ahn mal", die Hamburger Übersetzung von "check it out".

Seit Freitag wird von München bis Berlin, von Gartenparty bis Galerieeröffnung wieder wie in Hamburg gesprochen. "Was los Digga ahnma", sagen sie jetzt alle, was ja auch passt in Zeiten, in denen die Anerkennung die wichtigste Währung geworden ist, das Gehörtwerden. Da braucht man ein Wort, das in aller Dringlichkeit sagt: Hier, guck mal bitte, was ich mache. Schau dir das mal an, hör doch mal zu. Ahnma.

Den ganzen Sommer werden wir das jetzt hören, schon bald wird es supernervig sein. Wenn alles gut läuft, wird diese Vokabel, was Amore vor zwei Jahren für die Band Wanda und die Stadt Wien war: das, was alle sagen, irgendwann sogar der Büchnerpreisträger in seiner Büchnerpreisrede. Das, was einer Stadt ein Außenbild zuschreibt, was natürlich völlig albern ist, aber immer noch besser als nichts, ein bisschen was zum Festhalten. Das aus Stahl und Beton einen Ort auf der Karte macht, an dem alle Gegensätze kurz aufgehoben sind, selbst die mit Hausverbot.