Der Finanzcrash hatte 2008 gerade alles niedergerissen, sie waren ihre Jobs los und wussten nicht, wie es weitergehen sollte, da beschlossen sie, die Gegenwart nach Kräften zu umarmen. Lauren Boyle, Marco Roso, Solomon Chase und David Toro, allesamt superaffirmative Zeitgenossen, technikverliebt und extrem an Markenstrategien interessiert, bildeten ein Kollektiv und nannten es DIS. Die vier hassen den Authentizitätswahn und lieben die perfekten Oberflächen, sie sind die ästhetischen Agenten einer durchökonomisierten Gesellschaft – und der Albtraum jedes soliden Kulturpessimisten. Gerade haben sie die Biennale in Berlin kuratiert, bislang eigentlich bekannt für kritische Interventionen.

Was dabei herausgekommen ist? Eine herrlich gegenwärtige Kunstausstellung, so viel lässt sich sagen. Zu sehen gibt es die Sehnsüchte und Ängste eines stilprägenden globalen Milieus, gut verpackt im Look einer zukunftsverliebten Perfektion.

Allein die Werbung für diese Biennale: Man sieht dort fröhliche junge Menschen in einfarbigen T-Shirts, alles wunderbar bunt, alles großartig egal und garantiert sinnfrei, genau wie in der sogenannten Stock-Photography mit ihrer Teflon-Ästhetik, die auf alles Charaktervolle verzichtet, weil sich dasselbe Motiv möglichst vielseitig einsetzen lassen soll, für Bausparverträge genauso wie für Hundefutter. Die Kunst also scheint eines dieser Allerweltsprodukte zu sein, sie soll nichts mehr verheißen, nichts kritisieren. Sie geht auf im hellen Rauschen der Gegenwart.

Oder etwa nicht?

Tatsächlich dient den vier DISlern die ausgestellte Affirmation als besonders smarte Form der Distinktion. Sie sind klug genug, ihr Reden und Vorgehen im Ungefähren zu halten, zugleich aber mit starken Schlagworten aufzuladen, sodass ihr Opportunismus zuweilen auch als sublime Form von Subversion funktioniert. Eine Subversion allerdings, die keinerlei Sponsoren verprellt, sondern sie geradezu anlockt.

Bislang suchte sich noch jeder Kurator der Berlin Biennale möglichst pittoresk verwahrloste Ausstellungsorte. In den Ruinen schien noch ein Rest jener guten alten Zeit verwahrt, die von der kritischen Kunst angemahnt und beschworen wurde. Damit ist nun Schluss: DIS haben sich für Gebäude entschieden, die eine andere, eine perverse Geschichte erzählen. So wie das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR, das heute von einer privaten Universität genutzt wird und wo nun vor heroisch leuchtenden Arbeiterbildern die Manager der Zukunft geschult werden, etwa in sogenannten "Leadership in Action"-Kursen. Der Bau spricht für sich selbst; auf die darin ausgestellte Kunst von Simon Denny hätte man verzichten können.

Das Herz der Ausstellung schlägt jedoch in der Akademie der Künste am Pariser Platz, einem Gebäude von Günter Behnisch, das durch seine gläserne Fassade an die Atmosphäre globaler Nicht- und Machtorte, an Flughäfen und Konzernzentralen erinnert. Diese Atmosphäre haben DIS in der Lobby noch gesteigert. Dort stehen nun große Lichtkästen, wie man sie aus Malls oder Duty-free-Shops kennt, und die Fotos leuchten in perfekter Werbeästhetik. Man muss schon etwas genauer hinschauen, erst dann entfalten sie ihre befremdliche Wirkung: Cao Fei lässt Zombies auftreten, und Will Benedict zeigt das Porträt eines düsteren Aliens vor weißem Grund. So heiter und bunt manche dieser Werke zunächst daherkommen, so abgründig sind sie zugleich. Mehrere Künstler lassen in ihren Animationen Menschen wie eine Plage vom Himmel fallen; durch eine von Jon Rafman programmierte Virtual-Reality-Brille sieht man die ganze Stadt in sich zusammenbrechen.

Diese Biennale ist bei Weitem nicht so apolitisch, wie viele es nach den Ankündigungen von DIS erwartet hatten. Die Akademie ist schon deshalb ein symptomatischer Ort, weil am Pariser Platz nicht nur der Massentourismus durchzieht, sondern auch die Macht ihren Auftritt hat, hier residieren die Botschaften der USA, Frankreichs und Großbritanniens ebenso wie große Banken und Versicherungen. Mitten hinein in diese Großinszenierung stellt die Biennale den Autonomy Cube von Trevor Paglen und Jacob Appelbaum, aufgebaut in der obersten Etage der Akademie. In diesem kleinen Plexiglaskasten befindet sich ein Rechner, über den man sich per WLAN in das anonyme Tor-Netzwerk einwählen kann. Mit anderen Worten: Hier kann ein jeder verbreiten und versenden, was er möchte, ohne erkannt zu werden. Ein Mitarbeiter der benachbarten US-Botschaft könnte die Ausstellung also dazu nutzen, geheime Daten zu leaken.

Die Frage, wer was auf welchen Wegen zu sehen bekommt, ist überhaupt das unausgesprochene Leitthema dieser Biennale. Mögen die Oberflächen auch glatt sein, das Eigentliche spielt sich darunter ab – oder auch darüber, dort, wo die Drohnen fliegen, die in der Ausstellung immer mal wieder auftauchen. Sie stehen für die totale Kontrolle, werden aber auch als Werkzeug des Widerstands begriffen. In Halil Altınderes wuchtigem Musikvideo Homeland, in dem ein syrischer Rapper über seine Flucht via Türkei nach Berlin singt, vernebeln Drohnen die Linsen von Überwachungskameras mit Sprühlack und transportieren Rettungsringe mit der Aufschrift "Refugees Welcome". Die Technik ist Abgrund und Rettung zugleich.

DIS behaupten etwas kokett, dass sie nicht die Gegenwart oder die Realität abbilden, sondern die Fiktionen der Postgegenwart. "Stop looking at me like I’m the future", heißt es auf einem ihrer Plakate. Vermutlich haben sie recht. Bald schon wird der von ihnen kreierte Look, die angenehm perfide Mischung aus digitaler Glattheit und Dystopie, sehr gestrig, sehr 2016 anmuten.

Die Berlin Biennale läuft bis zum 18. September. Nähere Informationen unter bb9.berlinbiennale.de

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio