24. Juni 2016, 7 Uhr, Großbritannien

Als die Briten an diesem Freitagmorgen erwachen, leben sie in einem anderen Land.

Die ganze Nacht lang ist ausgezählt worden, gegen zwei Uhr liefen die ersten Resultate ein, mal lagen die Brexit-Befürworter vorn, dann wieder die EU-Anhänger.

Jetzt, pünktlich zum Frühstück, während die Bürger an ihrer ersten Tasse Tee nippen, zeigen die Info-Grafiken im Fernsehen eine zweigeteilte Nation: Stadt gegen Land. Jung gegen Alt. Gebildet gegen Ungebildet. Auf den Landkarten sind die Großstädte blau eingefärbt ("Bleiben") und die Gegenden drum herum rot ("Gehen"). Der Nordosten Englands ist ein roter Block, Schottland ein blauer.

Aber es gibt keinen Zweifel mehr: Mit einer hauchdünnen Mehrheit haben sich die Briten für den Austritt aus der EU entschieden.

Reporter berichten von spontanen Straßenpartys, auf denen die Leute mit glänzenden Augen erzählen, dass Großbritannien endlich frei sei.

Politiker, Banker, Anwälte, Redakteure in der gesamten EU greifen zu den Telefonen. Die Gemeinschaft steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte.

24. Juni, 8.30 Uhr, Berlin, Kanzleramt

Oben im siebten Stock des Kanzleramts, mit weitem Blick über den Tiergarten, hat Angela Merkel ihre engsten Vertrauten um sich versammelt, ihren außenpolitischen Berater Christoph Heusgen, den EU-Abteilungsleiter Uwe Corsepius, den Regierungssprecher Steffen Seibert sowie Beate Baumann, ihre Büroleiterin. Schon seit Stunden hat Merkel telefoniert, mit Sigmar Gabriel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier, mit dem französischen Präsidenten François Hollande und mit dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker.

"Wir sind jetzt im Blindflug", sagt ein hoher Beamter.

Natürlich hat es in den vergangenen Wochen immer wieder vertrauliche Runden gegeben, kleine Kreise, in denen die möglichen Folgen eines Brexit diskutiert wurden. Zweimal haben sich die Außenminister der sechs EWG-Gründungsländer getroffen. Sie wollen auch an diesem Nachmittag wieder zusammenkommen, in Berlin, als Signal der Einigkeit. Aber niemand hat einen detaillierten Plan B. Dafür gibt es zu viele Unbekannte: Wie reagieren die Märkte? Was macht Cameron? Wie schnell wollen die Brexit-Befürworter raus aus der EU?

Jetzt muss es rasch gehen. Keine Schockstarre, kein Durcheinanderquatschen. Die EU soll Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit demonstrieren. Über die offiziellen Formeln wird zügig entschieden. Dass man die Entscheidung des britischen Volkes bedauere, aber respektiere. Dass die EU stark sei und einig.

Doch das ist nur die Sprachregelung für die Pressekonferenzen, für die Abendnachrichten. In Wahrheit liegen die Dinge komplizierter.

Die Frage lautet nicht nur: Was sagen? Mindestens so wichtig ist die Frage: Wer sagt etwas, in welchem Format? Ideal wäre eine Erklärung aller 27 EU-Mitglieder ohne Großbritannien. Aber lässt sich das so schnell organisieren? Zu unterschiedlich sind die Interessen. Polen und Ungarn könnten Sympathien für den Ausstieg zeigen.

Also ein kleinerer Kreis? Nur die sechs EWG-Gründungsmitglieder? Doch wie käme das bei den Osteuropäern an? Auf keinen Fall will Merkel allein vor die Presse treten, besser zusammen mit Hollande. Nur: Wo können die beiden gemeinsam auftreten? In Paris? In Berlin? In Brüssel?

Es kommt jetzt auf Nuancen an, auf Tonlagen, auf Symbole.

So viel jedenfalls steht fest: Nichts, was Merkel heute sagen kann, wird die Größe der Erschütterung erfassen.

Mitten hinein in die Beratungen platzt ein Anruf aus London. Cameron ist dran, der geschlagene Premierminister. Er will Merkel sprechen. Die Kanzlerin nimmt ihr Telefon, tritt an ein bodentiefes Fenster. "David?"