Brauchen wir einen "flächendeckenden Islamunterricht" an deutschen Schulen? Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche hat das gefordert, die ZEIT plädierte für einen gemeinsamen Unterricht über Religion. Ein gewichtiges Argument spricht für die Position des Bischofs: Der Anteil muslimischer Schülerinnen und Schüler wird stark steigen. Deshalb wäre die Imunisierung gegen fundamentalistische Strömungen ein wichtiger Beitrag zur Selbsterhaltung der freiheitlich demokratischen Grundordnung.

Jedoch: Religiöser Fundamentalismus wurde noch nie durch ein Mehr an Religion beseitigt. Dazu bedarf die freiheitliche Gesellschaft eines gemeinsamen, normativen Diskurses. Außerdem muss daran erinnert werden, dass Freiheit, Demokratie und Menschenrechte nicht durch, sondern gegen die Religionen erkämpft worden sind.

Heute ist Ethik wichtiger als Religion. Dies sagt nicht nur der Dalai Lama, sondern auch die Unesco. Die deutsche Situation: Schulklassen von morgen werden zu großen Teilen oder sogar mehrheitlich aus Schülern mit Migrationshintergrund bestehen. Das bleibt kein Phänomen der urbanen Ballungsräume, sondern wird in der Fläche zum Normalfall. Für die Schulen ist es Belastung und Chance zugleich. Hier kann Integration am besten gelingen: Jeder gut ausgebildete und in die Arbeitswelt integrierbare Neubürger ist ein volkswirtschaftlicher Gewinn. Jeder für die zivilisierte Meinungsbildung gebildete Mitbürger ist eine Frischzellenkur für die Demokratie.

Dazu bedarf es einer besonderen Kompetenz: des kritischen und selbstkritischen Gebens und Nehmens von Gründen. Mit den Worten von Jürgen Habermas: Mündig ist, wer den zwanglosen Zwang des besseren Argumentes zu erzeugen und zu akzeptieren vermag. Die nötige Urteilskraft wird geschult im Philosophie- und Ethikunterricht. Normative Orientierung ist praktisch notwendig, weil der moderne Mensch in einer wissenschaftlich-technischen Risikogesellschaft lebt. Die gewaltigen, den Globus umspannenden und Generationen übergreifenden Möglichkeiten bewirken einen noch nie dagewesenen Entscheidungsbedarf. Es ist nicht nur die Qualität unseres technischen Vermögens, es ist auch die schiere Quantität unserer Gattung und die Dichte unseres Zusammenlebens, die uns zur Konsensfindung nötigt.

Das Problem: Rein traditionelle Moralvorstellungen sind für die normative Orientierung in der modernen Welt ungeeignet. Der Einzelne muss zum interkulturellen Konsens befähigt werden. Hier kann die Philosophie als Integrationswissenschaft dienen. Sie vermag Menschen unterschiedlichster Religionen, Traditionen und Kulturen zu inkludieren – denn eine philosophische Untersuchung ist per Definition ergebnisoffen. Das kann der konfessionell gebundene Religionsunterricht nicht leisten. Der Philosophieunterricht dagegen, der keineswegs religionsfeindlich ist, lehrt uns, im kantischen Sinn zwischen Meinen, Glauben und Wissen zu unterscheiden.

Das ist die beste Prophylaxe gegen Dogmatismus. Im Ethik- und Philosophieunterricht geht es nicht um die Behauptung zu tolerierender Inhalte. Hier zählt nicht die Tradition oder die political correctness, sondern das Argument, auf dass sich alle einigen können. Wer Integration will, will Ethikunterricht.