Der Weg zu Frank-Jürgen Weise führt durch das breite Eingangsportal eines Siebziger-Jahre-Bürogebäudes, durch ein Treppenhaus mit marmoriertem Steinboden und in ein Büro, in dem alles ruhig und aufgeräumt wirkt. Seit neun Monaten leitet Weise gleich zwei Behörden: die große Bundesagentur für Arbeit (BA) und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Gäste empfängt Weise nach wie vor lieber in seinem Büro in der Bundesagentur, deren Vorstandsvorsitzender er seit zwölf Jahren ist. An die Flüchtlingskrise erinnern hier nur ein paar Tabellen im DIN-A3-Format, die Weise während des Interviews von seinem Schreibtisch holt. Nur in einem Kämmerchen hinter dem Schreibtisch stehen persönliche Utensilien: An der Wand hängt ein Bilderrahmen mit einem Bibelzitat, im Regal steht das Neue Testament.

DIE ZEIT: Herr Weise, gibt es eine Bibelstelle, die Ihnen besonders viel bedeutet?

Frank-Jürgen Weise: Nicht im Sinne eines einzelnen Zitats. Aber ich lese morgens fast immer in den Herrnhuter Losungen, die für jeden Kalendertag einen kurzen Bibeltext vorsehen. Manchmal kann ich damit im ersten Moment gar nicht so viel anfangen und stelle dann im Laufe des Tages fest, dass die Passage zu dem passt, was ich erlebe.

ZEIT: Wann ist Ihnen das zuletzt passiert?

Weise: Vor Kurzem saß ich in Berlin im Ausschuss für Arbeit und Soziales mit einem dicken Aktenordner voller Unterlagen. Ich war angespannt, einige Abgeordnete hatten sehr kritische Fragen zur Flüchtlingspolitik gestellt. In dem Moment sah ich auf dem Handydisplay ein Bibelzitat, das mir ein Freund aus Nürnberg geschickt hatte: "Manchmal ist es besser zu schweigen, der Herr spricht für Dich." Daraufhin habe ich mich in der Diskussion zurückgenommen, und siehe da: Plötzlich lief es besser.

ZEIT: Hadern Sie jemals mit Widersprüchen zwischen den Vorgaben der Asylgesetze und dem, was ihr christliches Menschenbild verlangt?

Weise: Nicht grundsätzlich. Aber natürlich gibt es Begegnungen, die mich beschäftigen. Vor Kurzem habe ich mit einer Gruppe von Menschen aus dem Westbalkan gesprochen, die abgeschoben werden sollten. Ich kenne Albanien ganz gut, die Bundesagentur unterstützt dort Programme für Jugendliche. Viele junge Menschen in Albanien haben wenig Perspektiven, doch wenn sie auf Dauer weggehen, wird das dem Land nicht guttun. Unsere Idee war deshalb: Wenn einige der vielen Arbeitslosen mit guten Deutschkenntnissen zu uns nach Deutschland kommen, hier etwas lernen und nach ein paar Jahren zurückgehen, dann kann das ein großer Gewinn für alle sein. Doch inzwischen sind viele junge Albaner von Schleppern über den Asylweg zu uns gelockt worden und müssen das Land verlassen. Es ist schwer, das den Menschen klarzumachen. Aber es hilft nichts: Das Asylrecht dient nicht dem Zweck der Arbeitsmigration.

ZEIT: Quälen Sie solche Begegnungen?

Weise: Nein. Ich nehme Anteil, aber ich nehme das nicht mit in den Schlaf. Ich habe die Aufgabe, den großen Rückstand bisher noch nicht bearbeiteter Asylanträge abzubauen, und ich tue alles, damit wir sach- und fachgerecht arbeiten. Geflüchtete, die unter großem Stress nach Deutschland gekommen sind, müssen immer noch durchschnittlich sechs Monate auf ihre Bescheide warten.

Früher hat Weise nicht von "Geflüchteten" gesprochen, sondern von "Flüchtlingen". Aber das Wort "Geflüchtete" klinge respektvoller, sagt er. Auch das Wort "Migrationshintergrund" meidet er, er findet es stigmatisierend. Ansonsten: viel Beamtensprache. Weise mag Wörter wie Rückstand, Personalaufbau, Abordnung.

ZEIT: Sie haben angekündigt, das Bamf werde in diesem Jahr eine Million Asyl-Entscheidungen treffen. Schaffen Sie das?

Weise: Ende Mai hatten wir 230.000 geschafft. Wir hängen also etwa ein Quartal zurück, weil wir im Personalaufbau nicht schnell genug waren. Wir werden das aber noch aufholen.