Alle meine Spiele

Wir Menschen, jedenfalls jene, die den Fußball lieben, sind eine seltsame Spezies. Unsere Erinnerung, unsere Biografie wird durch den Zwei-Jahres-Modus der großen Turniere strukturiert. In den geraden Jahren ist Welt- oder Europameisterschaft, in den ungeraden nur die große, weite Leere des Sommers. Wir neigen dazu, vieles zu vergessen – nur die großen Spiele vergessen wir nie. Die großen Spiele sind unser Erinnerungsgerüst, der ganze Rest ist nur das Leben.

Italien 1980: Wie alles anfing

Im Finale trifft Deutschland auf Belgien. 88. Minute. Es steht 1 : 1. Eckball, Rummenigge schießt. Horst Hrubesch, das Kopfballungeheuer, steigt in die Luft und wuchtet den Ball ins Tor. Mein Jubel war grenzenlos: Ich schrie, tanzte, wälzte mich auf dem Teppich. Ich war sechs Jahre alt und trug einen Pyjama. Unser alter Röhrenfernseher stand inmitten einer riesigen Bücherwand zwischen Romanen von Karl May und Ephraim Kishon. Robert, mein Pflegevater, saß auf der Couch, rauchte Pfeife und las Zeitung. Marianne, meine Pflegemutter, saß in ihrem Sessel und löste Kreuzworträtsel. Vermutlich fragten sie sich, was für einen Irren sie sich da in die Familie geholt hatten. Erst ein Jahr zuvor hatte mich ein Freund aus dem Kindergarten mit zum Probetraining der Spvgg Warmbronn 1910 genommen. Ich rannte, passte, schoss Tore, und als Horst Hrubesch in jener 88. Minute traf, war es, als ob er dieses Tor für mich allein gemacht hätte. Wir waren Europameister. Ich war Fan.

Frankreich 1984: Platini statt Pacman

Dieser Michel Platini! Er konnte das Spiel lesen, es verzögern, es schnell machen, seine Pässe landeten zentimetergenau bei seinen Mitspielern, seine Freistöße segelten traumhaft schön über die Mauer ins gegnerische Tor. Unglaublich. Platinis neun Treffer bei dieser EM sind bis heute unerreicht. Er war elegant, er war cool. Ich hatte einen Walkman und hörte Lieder wie Wake Me Up Before You Go-Go von Wham. Helmut Kohl regierte, der Wald starb, und mein Bruder spielte unentwegt Pacman. Ich aber kopierte in unserem Garten vor allem die Tricks von Michel Platini und begriff, dass es im Fußball wie im Leben nicht nur ums Gewinnen ging.

Deutschland 1988: Ich will kein Trikot

Ich war in Martina verliebt, aber die knutschte lieber mit dem zwei Jahre älteren Jochen, der zu Hause schon Partys feiern durfte. Die Fußballhosen waren eng und sehr kurz. Der Sommer war orange, die Holländer dominierten das Land. Sie wollten Vergeltung für die Finalniederlage bei der WM 1974, und als Jürgen Kohler in diesem rempeligen, ruppigen Halbfinale gegen Marco van Basten die berühmte Fußspitze zu spät kam, hatten sie endlich ihre Revanche. Im Finale gegen die UdSSR schoss van Basten, der begnadete Mittelstürmer vom AC Mailand, eines der schönsten Tore aller Zeiten. Von der rechten Außenseite knallte er den Ball volley in den linken Winkel. Ich war begeistert von den schnellen Kombinationen des Oranje-Teams, und ein wenig neidisch war ich auch. Sie hatten Spieler wie Ruud Gullit und Frank Rijkaard. Deren Haut war dunkel. Für uns, für Deutschland, trat niemand mit Migrationshintergrund an, in Deutschland waren wir noch die Ausländer. Wahrscheinlich war das auch der Grund, weshalb ich mir von meinen Eltern nie ein Deutschland-Trikot gewünscht hatte. Ich war für das Land, aber das Land war noch nicht für mich.

Schweden 1992: Der erste Sex

Die Mauer war gefallen, und in der Heimat meiner leiblichen Eltern herrschte Bürgerkrieg. Meine Mutter berichtete am Telefon, wer aus unserem Dorf für die Kroaten und wer für die Serben kämpfte. Ante schoss auf Slavko und Slavko auf Ante. Ich sah die Bilder im Fernsehen und war traurig. Zehn Tage vor Turnierbeginn wurde Jugoslawien wegen des Kriegs durch Dänemark ersetzt. Die Dänen hatten keine Vorbereitung, hingen bei McDonald’s rum und gewannen das Finale zur Überraschung aller mit 2 : 0 gegen Deutschland. Peter Schmeichel, Flemming Povlsen, Brian Laudrup, all die unbekümmerten Jungs hatten dem amtierenden Weltmeister, der laut Franz Beckenbauer wegen der neuen ostdeutschen Spieler auf Jahre hin unbesiegbar war, den Hochmut ausgetrieben. An diesem Abend waren wir mit unserer Schulklasse in Prag. Wir saßen in einer Kneipe, betrunken und enttäuscht. Nach dem Spiel fragte mich die hübsche Isabell, ob ich noch mit ihr durch Prag spazieren wolle. Wir kauften uns eine Flasche Rotwein und küssten uns auf der Karlsbrücke über der Moldau. Danach gingen wir ins Hotelzimmer und hatten Sex. Es war das beste EM-Finale meines Lebens.

Alle meine Spiele

England 1996: In der Höhle des Löwen

In Berlin tanzten Hunderttausende pillenaufgeputschte Kids zu den hämmernden Klängen des Techno. Der Sommerhit aber war Football’s Coming Home von den Lightning Seeds. Als Oliver Bierhoff im Mutterland des Fußballs das Golden Goal gegen Tschechien schoss, sprang ich von meinem Sitz und schrie in einen Londoner Pub: "The trophy is coming home!" Ich hatte Glück, dass ich nicht verprügelt wurde. Das entscheidende Match war jedoch das Halbfinale gegen England. Die britischen Medien spielten verrückt: "For you Fritz, ze Euro 96 Championship is over!", titelte der Daily Mirror . Darunter winkte Paul Gascoigne im englischen Stahlhelm aus dem Zweiten Weltkrieg. Ich studierte Soziologie an der Guildhall University, wohnte in einem WG-Zimmerchen im Londoner East End und hatte mich in Sarah, eine britische Kommilitonin, verliebt. Zum Halbfinale saß ich mit Sarahs Vater und ihren zwei Brüdern im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Verlängerung, Elfmeter-Drama. Gareth Southgate verschoss. Und als Andreas Möller schließlich den entscheidenden Elfer verwandelte, sanken drei britische Männer in sich zusammen. Um meine Zukunft in dieser Familie nicht zu gefährden, ging ich in den Garten und schrie erst dort: "Yes, yes, yes!" Neben mir stand Sarahs schwarzer Kater George. George hatte eine Verhaltensstörung und rannte mitunter wie ein durchgeknallter Stier gegen die Gartentür. Bei meinem letzten "Yes" sprintete er wieder los.

Belgien/Niederlande 2000: Untergang der Reaktionäre

Ich schrieb an der Freien Universität Berlin an meiner Diplomarbeit, und die rot-grüne Koalition setzte gegen den heftigen Widerstand der Union die doppelte Staatsbürgerschaft durch. Genau wie die rückwärtsgewandten Konservativen hatte die Nationalmannschaft alle modernen Entwicklungen verschlafen. Statt junge Spieler auszubilden, Migranten einzubinden und neue Spielsysteme einzustudieren, setzte man auf alte deutsche Tugenden wie Kampfkraft und Disziplin. Mit diesem entsetzlich reaktionären Fußball wurde die EM ein Desaster. Ich sah mir das Elend mit ein paar Freunden in der kleinen Berliner Mary Jane Bar an. Beim 0 : 3 gegen eine B-Elf der Portugiesen übertönten wir den ZDF-Kommentator Béla Réthy und beschimpften die Spieler wüst. Erich Ribbeck wurde gefeuert, Christoph Daum sollte sein Nachfolger werden, scheiterte aber an einer Haarprobe. Einziger Lichtblick: der große, der einzigartige Zinédine Zidane, der Frankreich zum EM-Titel führte. Der Erfolg der Équipe Tricolore mit den Stars aus den Banlieues führte zu einem Umdenken beim DFB. Man baute Nachwuchszentren im ganzen Land und förderte junge Spieler aus Einwandererfamilien.

Portugal 2004: Ich will Star-Autor werden

Flugzeuge waren ins World Trade Center geflogen, die USA marschierten in Afghanistan ein. Im Gegensatz zur unsicheren Weltlage lief es für mich ganz gut. Ich lebte in Prenzlauer Berg, die Mieten waren noch billig, ich beschloss, meine Doktorarbeit in den Mülleimer zu schmeißen und einen Roman zu schreiben. Ich war überzeugt, der nächste Shootingstar der Literaturszene zu werden. Die Deutschen spielten nur 0 : 0 gegen Lettland und schieden abermals jämmerlich in der Vorrunde aus. Rudi Völlers vorherige Erfolge hatten die taktischen Defizite der Nationalmannschaft lediglich kaschiert. Er trat zurück. Mir und meinen Kumpels war das mittlerweile egal, wir tranken unsere Biere und freuten uns für die Griechen, die mit einer Beton-Defensivtaktik unter der Leitung von "König Otto" Rehhagel sensationell Europameister wurden. Im Finale besiegten sie Portugal durch ein Tor von Angelos Charisteas, der damals für Werder Bremen spielte. Wir saßen in einem griechischen Restaurant, und beim Schlusspfiff konnte Dimitrios, der Wirt, nicht mehr aufhören, vor Glück zu weinen.

Österreich/Schweiz 2008: Den Anschluss verpasst

Diesmal war ich es, der alle modernen Entwicklungen verpasst hatte. Ich hatte kein Smartphone, keinen Laptop und noch nie etwas von den neuen US-amerikanischen HBO-Serien gehört. Mein Roman verkaufte sich 761 Mal und war grottenschlecht. Meine schöne Freundin betrog mich mit einem Physiker namens Detlev, ich lebte von Hartz IV und trank zu viel. Kurzum: Ich war ruiniert. Die Nationalmannschaft hingegen hatte mit Jogi Löw die Kurve gekriegt, und eine neue Generation von Fans hatte im Sommermärchen zwei Jahre zuvor mit einem entspannten Patriotismus sich selbst und die Welt überrascht. Lahm, Schweinsteiger und Ballack spielten angriffslustig, gewannen das Viertelfinale und das Halbfinale jeweils mit 3 : 2 nach dramatischen Spielen gegen Portugal und die Türkei und scheiterten erst im Finale an Spaniens totalitärem Ballbesitzfußball. Während sich die anderen die EM auf Fanmeilen beim Public Viewing anschauten, saß ich alleine mit einer Flasche Bier vor meiner alten Flimmerkiste. Ich hasste Tiki-Taka und bekam einen Nervenzusammenbruch.

Polen/Ukraine 2012: Mein Sohn kommt zur Welt

Ich hatte digital aufgerüstet, war auf Facebook registriert und schaute mir online alle Folgen von Breaking Bad an. Die Sonne schien mir in jenen Tagen aus dem Arsch: Ich hatte eine neue schöne Frau, und am 26. Mai, kurz vor der EM, wurde mein Sohn geboren. Abends lagen wir zu dritt im Bett und verfolgten die Spiele. Mein Sohn schlief viel, und ich war wie verzaubert von diesem kleinen Wesen, dessen winzige Hände noch nicht einmal meinen Zeigefinger umschließen konnten. Die deutschen Spieler hießen endlich auch Gündoğan, Khedira, Özil und Boateng. Die Mannschaft war taktisch auf der Höhe der Zeit, beherrschte den kontrollierten Aufbau ebenso wie das Gegenpressing mit schnellem Umschaltspiel. Aber dann: das Halbfinale gegen Italien. Löw vercoachte sich, indem er Toni Kroos als vermeintliche Leibwache von Andrea Pirlo im Mittelfeld aufstellte, und als Mario Balotelli das 2 : 0 in den rechten Winkel drosch, seinen muskelbepackten Oberkörper anspannte und mit weit aufgerissenen Augen triumphierend in die Kameras blickte, war in mir plötzlich alles leer. Deprimiert versank ich in den unendlichen Tiefen meiner Matratze. Ich sah meinen kleinen Sohn an, der träumend neben mir lag, und dachte: Hoffentlich wirst du nicht so ein Idiot wie dein Vater, der alle zwei Jahre seinen Sommer mit diesem saublöden Fußball verschwendet.

Alem Grabovac, 1974 in Würzburg geboren, ist Deutscher mit einem kroatischen und bosnischen Migrationshintergrund. Als Grundschüler trug er stolz ein Jugoslawien-Trikot.