DIE ZEIT: Herr Kachelmann, seit Ende Mai wissen wir jetzt alle, was die Wetterlage "Tief Mitteleuropa" bedeutet: viel Ärger. Ist sie für Meteorologen besonders schwierig?

Jörg Kachelmann: Nein, diese Wetterlage ist nichts Besonderes. Man kann ja auch gar nicht so viel machen als Meteorologe. Nur das Gebiet abgrenzen, in dem es knallen kann, und dann setzt man sich hin und wartet, bis es tatsächlich knallt. Sobald das Gewitter dann da ist, weiß man auch, wohin es zieht, und gibt seine Warnungen heraus.

ZEIT: Sie haben während des aktuellen Wettergeschehens das Wort "Hochwatergate" in Umlauf gebracht. Das ist wahrscheinlich kein meteorologischer Fachbegriff ...

Kachelmann: Korrekt.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Kachelmann: Um bei einer Unwetterlage zu verhindern, dass Menschen zu Schaden kommen, müssen alle mithelfen. Meteorologen, Medien und die örtlichen Behörden. Leider haben die Medien ihren Teil nicht gemacht.

ZEIT: Nach dem ersten schweren Gewitter-Wochenende in den letzten Maitagen haben Sie den Südwestrundfunk heftig kritisiert, Anfang Juni dann den Bayerischen Rundfunk. Sie sprachen von einer "Weigerung zur Information der Bevölkerung". Was haben die Sender denn unterlassen?

Kachelmann: Eigentlich alles, wenn man bedenkt, dass die Betroffenen hinterher gesagt haben, sie seien von dem Unwetter überrascht worden. Niemand muss im Jahr 2016 noch von einem Unwetter überrascht werden!

ZEIT: Aber heißt es nicht immer, ein Gewitter sei so schwer vorherzusagen, weil man nicht wissen kann, wann und wo genau es entstehen wird?

Kachelmann: Richtig, man kann eigentlich erst warnen, wenn das Gewitter da ist. Bewegt es sich dann zusätzlich nur sehr langsam vorwärts, beginnt die Uhr zu ticken. Bei der Wetterlage der vergangenen zwei Wochen hatten wir immer wieder Gewitter, die sich kaum bewegten und sich länger über demselben Ort entleerten. Man hat trotzdem noch etwas Zeit, bevor sie in einem Hochwasser münden. Das ist natürlich schwierig zu verstehen, weil Augenzeugen hinterher immer beschreiben, von einer Minute auf die andere sei das Wasser gekommen. Aber man hat ein Zeitfenster von ein bis drei Stunden, bis die Flut kommt. Ich hätte gerne gesehen, dass dieses Zeitfenster genutzt wird.

ZEIT: Selbst drei Stunden sind aber nur ein knapper Zeitraum ...

Kachelmann: Ich besitze seit 2005 eine Firma in Oklahoma, wo das Wetter oft viel böser ist als zumeist in Deutschland. Es gibt viele Tornados, Gewitter und genau das, was bei uns gerade passiert. Dort heißt es flash floodBlitzflut. Obwohl die meisten Unwetter stärker sind als hier, sterben dabei in den USA nur sehr wenige Menschen. Wenn es in Oklahoma gefährlich wird, stellen alle vier Fernsehsender samt und sonders ihr Programm um, schicken alle Leute los und berichten nur noch über das Wetter, Livestream inklusive. Das hat zur Folge, dass niemand der Realität ausweichen kann – man erreicht praktisch hundert Prozent der Bevölkerung.

ZEIT: Hätten auch bei uns die normalen Sendungen unterbrochen werden sollen?