"Ich hoffe, die Amerikaner lernen aus den Erschütterungen, die sie durchmachen, vielleicht sogar stärkere Erschütterungen, als wir sie in Europa erleben."

Das hoffen Sie? Brauchen die mehr Erschütterung?

"Ja."

Welcher Art?

"Auch die Amerikaner müssen lernen, die Welt aus der Perspektive von anderen zu sehen und nicht nur aus der eigenen. Warum ist es ihnen beispielsweise noch immer nicht richtig gelungen, Lateinamerika ein guter Partner zu sein?"

Wenn man ihn richtig versteht, dann kritisiert Schäuble allerdings nicht bloß die, ja wie soll man sagen: imperiale Haltung der USA gegenüber dem Rest der Welt, er hegt offenbar auch Zweifel am demokratischen Zustand des Landes.

"Aus der Sicht eines nichtwestlichen Menschen sind die USA mehr eine Plutokratie des großen Geldes als eine Demokratie." Überhaupt, das große Geld. Wer Panama und Luxemburg zusammendenke, der werde finden, dass die Reichen aus allen Ländern sich schon von ihren Völkern verabschiedet haben.

So kritisch er gegen die Amerikaner ist, so freundlich, so eingemeindend äußert er sich zu den 68ern, die einen positiven Schub für Deutschland gebracht hätten. Von den "Gleichgeschlechtlichen" habe das Land Toleranz gegenüber Minderheiten gelernt, eine Eigenschaft, die sich nun beim Zusammenleben mit den Muslimen bewähre. Da hört er sich so anders an als jene Konservativen innerhalb und außerhalb der Union, die sich vom Liberalisierungskurs der Kanzlerin quasi betrogen fühlen. Für sie sind Schwule und 68er und Feministinnen und Türken etwas, das sie aushalten müssen, eine Kaskade von Zumutungen, die ihre Geduld überstrapaziert hat, sie zur Wut berechtigt und zum AfD-Wählen geradezu zwingt. Für Schäuble sind das alles Lernstufen zu einem Zivilisationsniveau – das es nun zu bewahren gilt.

Was also ist Konservatismus? Das Bewahren des Gestern? Oder des Heute? Und was ist ein Konservativer?

Sind Sie noch einer, Herr Schäuble?

"Ja, ich bin konservativ. Ich glaube, dass bestimmte menschliche Grundkonstruktionen, bestimmte Tugenden entscheidend sind. Also anständig zu sein, ehrlich, nicht zu bescheißen, sich genau zu überlegen, was man tut."

Auch Schäubles Menschenbild ist nach wie vor konservativ. Achselzuckend sagt er, so ist der Mensch, ohne Resignation, eher mit Milde. Seine maßvolle Revolution soll auch nicht den Menschen ändern, vielmehr umgekehrt: Weil die Menschen so sind, wie sie eben sind, auch die da unten, die Flüchtlinge und die Armen – darum braucht es Veränderung.

"Lasst uns doch mal ein bisschen gnädiger sein mit den Menschen." So lautet das Credo des konservativen Weltbürgers Schäuble am Ende der drei Stunden – in denen er zugleich revolutionärer und konservativer klang als die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende. Über die sagt er dann auch noch etwas, ohne dass er nach ihr gefragt worden wäre: "Ich habe mal dem Friedrich Merz gesagt: Die Angela Merkel hat den Wandel der Gesellschaft früher begriffen als wir beide." So lückenlos loyal wie in diesen drei Stunden hat man ihn in den vergangenen drei Jahren nicht erlebt.

Zwischen dem Gespräch im Ministerium und dem Erscheinen dieses Artikels hat Joachim Gauck angekündigt, nicht mehr für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren zu wollen. Auch Schäuble hat sich noch mal gemeldet. Allerdings nicht zum Thema Bundespräsident, sondern mit einer Lektüreempfehlung.

In der amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs sei ein Aufsatz erschienen, der die globale Entwicklung mit sehr guten Argumenten optimistisch zeichne. Aufgeklärte Zuversicht ist zurzeit der ganz heiße Scheiß im politischen Berlin. Wolfgang Schäuble sammelt so was.

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