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Es gibt auch in Deutschland immer mehr Studierende aus China und anderen asiatischen Ländern – und tatsächlich trägt die große Mehrheit von ihnen eine Brille. In den Schulen und Universitäten Singapurs liegt die Quote der Kurzsichtigen zwischen 80 und 90 Prozent. Haben Asiaten eine genetische Veranlagung zur Myopie? Ist mit ihren Augen irgendetwas anders?

Betrachtet man die Statistiken genauer, so findet man interessante Unterschiede: In China beträgt die Kurzsichtigen-Quote 31 Prozent, das entspricht dem Wert in westlichen Ländern. An weiterführenden Schulen sind aber 77 Prozent der Jugendlichen kurzsichtig, an den Universitäten sind es noch mehr. Auch in westlichen Ländern steigt die Quote mit der Bildung. Woran liegt das? Und warum ist das besonders in Asien so ausgeprägt?

Eine australische Studie, die 2012 in der Zeitschrift The Lancet erschien, macht mehrere Faktoren für diesen Trend verantwortlich. Erstens: Asiatische Schüler und Studenten arbeiteten härter als westliche, sie verbrächten mehr Zeit vor Büchern und Bildschirmen. Das stresst die Augen und regt das Längenwachstum des Augapfels an. Und wenn der zu groß ist, kann die Linse das Bild nicht mehr auf der weiter entfernten Netzhaut fokussieren.

Vor allem aber bekämen die jungen Asiaten zu wenig Sonnenlicht ab. Zusätzlich zu den vielen Stunden, die sie mit Lernen verbrächten, sei in diesen Ländern häufig noch ein Mittagsschlaf üblich, sodass sich die Kinder nur eine Stunde pro Tag im Freien aufhielten. Sonnenlicht aber rege die Produktion von Dopamin an. Von diesem Botenstoff wird vermutet, dass er das Längenwachstum des Augapfels bremst und so der Kurzsichtigkeit vorbeugt. Zwei bis drei Stunden an der frischen Luft würden die schädlichen Folgen des vielen Lesens wieder kompensieren, heißt es in der Studie.

Das Phänomen wurde an dieser Stelle schon vor fast 20 Jahren beschrieben (ZEIT Nr. 51/97), als es um die Frage ging, ob Lesen unter der Bettdecke schlecht für die Augen sei. Damals berichtete ich von den Forschungen von Frank Schaeffel, mittlerweile Leiter der Sektion für Neurobiologie des Auges am Uniklinikum Tübingen. Schaeffel hatte gezeigt, dass Hühner, die man lange bei schlechter Beleuchtung gehalten hatte, tatsächlich kurzsichtig wurden.

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