Nicht "frisch, saftig, steirisch" sehen sie aus, die Äpfel von Rupert Gsöls, sondern winzig, knorrig und knubbelig. Der Obstbauer aus Raabau bei Feldbach lässt himbeergroße Exemplare seiner unfreiwilligen Frühernte über den Tisch seiner Stube kullern. "Wir haben schon viele Frostgschichtln mitgemacht", sagt der Landwirt auf Oststeirisch. "Aber so was haben wir noch nie gesehen."

Ende April war es, als der Frost die Südoststeiermark überraschte. Drei Nächte lang beregnete Obstbauer Gsöls in einer verzweifelten Rettungsaktion seine Apfelplantagen, wie "Geleezuckerln" hingen die vereisten Blüten an den Bäumen. Doch die Frostberegnung reichte nicht aus. Nach dem Frost kam der Nassschnee, der Gsöls Hagelnetze einriss und erneut schweren Schaden anrichtete. Zwar recken auf seinen Feldern mittlerweile wieder ein paar kleine Früchte ihre Köpfchen Richtung Sonne, doch es sind viel weniger als in anderen Jahren.

Vermutlich wird es im Herbst so gut wie keine steirischen Äpfel geben. Denn so wie Rupert Gsöls erging es fast allen Bauern und Winzern im Süden der Steiermark. Über 78.000 Familienarbeitskräfte und 17.000 zusätzliche Arbeiter sind in den knapp 37.500 steirischen land- und forstwirtschaftlichen Betrieben tätig. Viele verloren in wenigen Tagen beinahe ihren gesamten Ernteertrag für dieses Jahr: würzige Pinova-Äpfel und aromatische Grauburgunder-Trauben, Holunderbeeren und Zwetschgen. Über 200 Millionen Euro Schaden hat der Frost in der grünen Mark angerichtet. Nach dem Dürrejahr 2013, den Russland-Sanktionen 2014 und den Hitze- und Hagelschäden im Vorjahr rüttelt die Wetterkatastrophe erneut an der Existenzgrundlage der Landwirte.

Was ist los im "Garten Österreichs", wie die Tourismusverbände die Steiermark gerne nennen? Zwischen den sanften Obsthügeln und steilen Weinlagen bringt das sogenannte illyrische Klima normalerweise 75 Prozent der österreichischen Apfelernte und die angeblich besten Weißweine hervor. War das ein schlimmes Ausnahmeereignis – oder ein warnender Fingerzeig des Klimawandels?

"In den nächsten Jahren werden extreme Wetterereignisse in der Steiermark zunehmen", ist sich Gottfried Kirchengast vom Grazer Wegener Center sicher. Als Klimaforscher hat er im April fasziniert die seltene Wetterlage aus warmen Luftmassen und Kaltluftzungen beobachtet, als Bauernsohn mit seiner Familie mitgezittert und Tipps gegeben. Sein Szenario für das Bundesland: Die Temperaturen werden ansteigen, die Sommer werden trockener und gewitterreicher, die Winter nasser und milder. Neue Schädlinge werden sich in dem warmen Klima wohlfühlen, zugleich wird das Wasser in der Südoststeiermark immer knapper. Sogar von einer Gefahr der Versteppung spricht der Experte. Welche Feldfrüchte und welches Obst werden künftig in der Steiermark noch sicher wachsen können? Welche Art der Landwirtschaft wird möglich und existenzsichernd sein?

Mehr als 600 Landwirte werfen jedes Jahr das Handtuch

"Ich bin mir sicher, dass wir in einer Generation Oliven anbauen werden", sagt Hannes Zweytick. Der Weinbauer sitzt unter strahlend blauem Himmel vor seinem alten Winzerhäuschen an der steirisch-slowenischen Grenze, blickt über steile Weinberge und steckt sich eine Zigarette an. Normalerweise seien seine Reben zu dieser Jahreszeit um 40 bis 50 Zentimeter höher. In diesem Jahr tragen viele Stöcke wegen der Frostkatastrophe aber überhaupt keine Trauben. Zwar hofft Zweytick auf Triebe aus den zweiten Knospen, dennoch rechnet er mit Ernteausfällen von bis zu 95 Prozent. Zerknirscht steigt der braun gebrannte Winzer in Jeansshorts in seinen Wagen und schraubt sich die kurvigen Straßen durch die Weinberge zu seiner Buschenschenke hinauf. "Im Grunde müssen wir jetzt ein Jahr lang umsonst arbeiten."