DIE ZEIT: Herr Flath, gucken Sie jetzt eigentlich so richtig viel fern?

Steffen Flath: Ach was. Vielleicht eine halbe Stunde am Tag, mehr schaffe ich nicht. Ich schaue Nachrichten, politische Sendungen und Fußball.

ZEIT: Wir fragen, weil Sie nun Chef des MDR-Rundfunkrats sind, also des Gremiums, das den MDR kontrolliert.

Flath: Dass ich jetzt im MDR-Rundfunkrat bin, führt vor allem dazu, dass ich ständig übers Fernsehen rede. Ich frage meine Bekannten: Wie gefällt euch das TV-Programm?

ZEIT: Und?

Flath: Erst mal schimpfen alle. Aber die meisten nennen dann ein paar Sendungen, die sie mögen.

ZEIT: Sie haben bis 2014 Sachsens CDU-Fraktion geführt, Ihre Partei nominierte Sie dann für das Amt des Rundfunkratschefs. Sollen Sie dafür sorgen, dass der MDR tut, was die CDU will?

Flath: Ich bin hier nicht, um CDU-Politik zu machen. Ich habe meine Meinung, aber ich werde von niemandem gelenkt, handle auch nicht im Auftrag meiner Partei. Eher im Gegenteil! Schon zwei Mal habe ich Sachsens CDU-Generalsekretär gefragt, ob ich im CDU-Landesvorstand von meiner Arbeit im Rundfunkrat berichten dürfte. Ich dachte, das gehöre sich so. Aber ich sage Ihnen: Bisher habe ich keinen Termin bekommen.

ZEIT: Was finden Sie am MDR kritikwürdig?

Flath: Das ist ja Stoff für einen Vortrag. Mich beschäftigt vor allem die Frage: Wie konnte es passieren, dass ein großer Teil unserer Bevölkerung meint, wir hätten in Deutschland einen staatsgelenkten öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Und was ist der Anteil der Medien daran?

ZEIT: Und, was ist Ihre Antwort?

Flath: Es gibt ein Problem, das ich bei vielen Politikerinnen und Politikern beobachte: Sie versuchen, den Journalisten zu gefallen. Sie fragen sich: Was muss ich sagen, damit mein Name am nächsten Tag definitiv in der Zeitung steht?

ZEIT: Politiker biedern sich Journalisten an – und dann wirkt es, als steckten alle unter einer Decke?

Flath: Das haben Sie jetzt zugespitzt, aber da ist etwas dran. Politiker sollten, wenn sie eine Meinung haben, diese auch dann vertreten, wenn sie anderen mal nicht gefällt. Und Journalisten sollten das dann aushalten.

ZEIT: Als Politiker waren Sie ein Konservativer, der meinte, rechts von der CDU sollte es nichts geben. Jetzt gibt es dort die AfD, viele ihrer Anhänger finden, die Öffentlich-Rechtlichen gehörten zur "Lügenpresse". Wollen Sie den MDR gegenüber diesen Leuten verteidigen? Oder haben Sie auch Verständnis für die Lügenpresse-Rufer?

Flath: Beides. Das Wort Lügenpresse ärgert mich. Ich glaube, dass es von politischen Akteuren – womöglich aus der Neonazi-Szene – bewusst gestreut wurde. Sie schrien es auf Demonstrationen, benutzten es in Onlinekommentaren. Jetzt ist der Begriff leider etabliert und wird auch von Menschen benutzt, die nicht zwangsläufig etwas Böses im Schilde führen, die einfach unzufrieden sind. Als Politiker habe ich viele Anfeindungen erlebt, ich weiß, wie sich so etwas anfühlt. Deswegen müssen wir den Begriff Lügenpresse entlarven und zurückweisen. Aber wir dürfen auch nicht jeden, der ihn vielleicht unbedarft benutzt, als Nazi und Hetzer bezeichnen. Wir müssen uns mit der Medienkritik auseinandersetzen. Und bei den Öffentlich-Rechtlichen gilt: Sie werden durch die Allgemeinheit finanziert, deswegen müssen sie sich auch besonderer Kritik aussetzen. Auch wenn ich nicht finde, dass 17,50 Euro zu viel Geld sind. Ein Kinobesuch kostet dasselbe und ist nach zwei Stunden vorbei.

ZEIT: Wird unausgewogen berichtet?

Flath: Jeder Mensch, ob sehr gebildet oder weniger gebildet, hat seine Meinung. Von der ist er überzeugt. Wenn diese Meinung tagelang nicht ein einziges Mal in den Medien abgebildet wird, dann wird man unzufrieden. Dann sagt man: Ich schalte das nicht mehr ein. Mir haben schon viele Leute gesagt: Meine Meinung kommt komischerweise im Fernsehen nicht vor. Ja: Die Meinungsvielfalt in den Medien lässt bisweilen zu wünschen übrig.

ZEIT: Ein Beispiel, bitte.

Flath: Etwa die Berichterstattung zur Energiewende. Die Leute haben den Eindruck: Da wird von den meisten Journalisten die immer gleiche Linie verbreitet. Dass diese Energiewende ein gewaltiges Experiment ist, das auch richtig scheitern kann, habe ich bislang kaum irgendwo gelesen. Ich würde mir wünschen, dass man dem Zuschauer mehr vertraut.

ZEIT: Sie wollen also weniger Meinung?

Flath: Ich will, dass man im politischen Programm Fakten liefert, damit sich jeder seine eigene Meinung bilden kann. Es gibt zu viele Menschen, nicht nur in der Medienbranche, die leidenschaftlich gern andere erziehen wollen. Aber ich persönlich bin darauf so was von allergisch, ich will nicht erzogen werden. Nicht von meiner Ehefrau, nicht von Journalisten.

ZEIT: Wann wollen Journalisten Sie erziehen?

Flath: Wenn ich Zweifel äußere etwa an der Russland-Politik der Bundesregierung oder an der Gefährlichkeit von Pflanzenschutzmitteln, werde ich medial missachtet oder gebrandmarkt – als Putin-Versteher beziehungsweise als Agrar-Lobbyist. Dieses Ignorieren oder Zurechtweisen empfinde ich als Erziehungsversuch. Es ist menschlich, missionieren zu wollen, wenn man von etwas überzeugt ist. Aber manche übertreiben es auch.

ZEIT: Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommt vor allem von Konservativen.

Flath: Nicht ganz zu Unrecht. Ich habe mal gelesen, dass unter den Journalisten nur wenige sind, die konservativ denken.

ZEIT: Viele Sachsen fühlen sich von etablierten Parteien, auch der hier sehr konservativen Union, nicht vertreten. Sehen Sie das als Ihr Versagen, oder denken Sie: Davor habe ich immer gewarnt!

Flath: Meine Kritik an der CDU insgesamt – dass sie im Bund weit nach links gedriftet ist – war berechtigt, denke ich. Die Union hat eine gewisse Bevölkerungsgruppe nicht mehr vertreten. Aber das Wunderbare an der Demokratie ist: So ein Problem löst sich von allein, ob es einem gefällt oder nicht. Nun haben wir die AfD.

ZEIT: Die AfD finden Sie gut?

Flath: Das habe ich nicht gesagt.

ZEIT: Im MDR-Rundfunkrat sitzt ein AfD-Vertreter. Kommen Sie mit ihm klar?

Flath: Ja, er verhält sich konstruktiv, der Aufgabe angemessen.

ZEIT: Die AfD will die Öffentlich-Rechtlichen loswerden. Was halten Sie davon?

Flath: Es ist erlaubt, als Partei populistisch zu sein. Ich bin da entspannt. Wenn die AfD einmal in Regierungsverantwortung ist, dann wird sich ihr Verhältnis zu den Öffentlich-Rechtlichen normalisieren. Weil auch die AfD einsehen muss, dass unsere Demokratie ohne wirkliche Pressefreiheit nicht funktioniert. Wer will, dass dieses politische System erhalten bleibt, der ist auf starke Medien und die Öffentlich-Rechtlichen angewiesen.

ZEIT: Mit wem hatten Sie zuletzt häufiger Kontakt: mit Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich oder mit MDR-Intendantin Karola Wille?

Flath: Mit Frau Wille, ganz klar.