DIE ZEIT: Sie haben mal gesagt, dass Unternehmen die Bedürfnisse ihrer Kunden erfüllen sollten, noch bevor diese sie selber kennen. Wie kommen Sie auf diese schreckliche Idee?

Sabine Bendiek: Wenn Sie jemanden fragen, was er braucht, wird er nie etwas völlig Neues verlangen – er kann sich ja gar nicht vorstellen, was das sein könnte. So entsteht nur Evolution, keine disruptive Innovation. Big-Data-Szenarien geben Aufschluss, was gerade im Markt geschieht, und helfen Kunden, neue Ideen oder sogar ganz neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

ZEIT: Degradieren Sie Menschen zu berechenbaren Konsumrobotern?

Bendiek: Wir bevormunden niemanden. Unsere Kunden sind vor allem Unternehmen, und wir zeigen ihnen Möglichkeiten, die sie selber womöglich nicht erkennen. Ob diese umgesetzt werden, ist eine Frage des unternehmerischen Mutes. Wir leben ja in einer Marktwirtschaft und können niemanden zu etwas zwingen.

ZEIT: Mit Zwangs-Upgrades versucht Microsoft aber sehr wohl, seine Kunden zum Wechsel auf das neue Betriebssystem Windows 10 zu bringen.

Bendiek: Wie meinen Sie das?

ZEIT: Ein Pop-up-Fenster auf dem Bildschirm fordert Sie zur Installation des neuen Betriebssystems auf. Was passiert, wenn Sie auf das kleine X rechts oben im Fenster klicken?

Bendiek: Ich schließe das Pop-up-Fenster?

ZEIT: Bei Microsoft bedeutet es, dass Sie mit dem Upgrade einverstanden sind.

Bendiek: Darüber kann man debattieren. Aber zum Umstieg müssen wir niemanden zwingen, und wir tun es auch nicht. Windows 10 läuft weltweit bereits auf 300 Millionen Geräten, es ist unser sicherstes und bestes Betriebssystem, und wir bieten das Upgrade noch für einige Wochen kostenlos an. Allerdings sind wir als Firma manchmal vielleicht zu begeistert. Wir haben aufgrund des Feedbacks der Nutzer inzwischen Änderungen vorgenommen.

ZEIT: Die Deutschen sind oft skeptisch, was neue Technologien angeht. Vielleicht mögen sie nicht, wenn ihnen etwas untergejubelt werden soll?

Bendiek: Es wäre sicher hilfreich, wenn wir hierzulande stärker auf die Chancen digitaler Innovationen schauten. Uns fehlt da manchmal die positive Emotion und die Fähigkeit zur Begeisterung. Technologie hat einen wahnsinnigen Beitrag zur Verbesserung des Lebens geleistet.

ZEIT: Kommt auf die Perspektive an. Airbnb ist schön für Touristen, verknappt aber günstigen Wohnraum in guten Lagen. Uber ist weltweit sehr erfolgreich, verstößt aber gegen deutsches Recht. Wie soll man damit umgehen?

Bendiek: Man kann sich Neuerungen nicht komplett verschließen, sie holen einen sonst mit Macht ein. Die Autobranche hat das verstanden und sucht ihre Chancen. Deswegen kooperiert Toyota mit Uber, GM mit Lyft und Volkswagen mit Gett. Wir sollten die Entwicklungen in anderen Ländern gut beobachten und schauen, wie wir das in Deutschland umsetzen.