Wedel, ein dörflicher Vorort von Hamburg: Drogeriemarkt Budni, Blumenläden, Bäcker. Wer aber durch die Glastür in der Bahnhofstraße 38 tritt, fühlt sich in einen Science-Fiction-Roman versetzt. Weiße, weite Räume, abgerundete Ecken, gedämpftes, farbiges Licht. Futuristisch wirkt auch der große Apparat im hintersten Raum der Arztpraxis von Georg Barzen: ein großes, rundes Gebilde, auf dem eine Liege angebracht ist. Darüber hängt eine runde Platte. An zwei überdimensionierte Brötchenhälften erinnert die Konstruktion aus weißem Kunststoff. Es ist ein Magnetresonanztomograf, kurz MRT, aber ein besonderer: Er ist offen. Gerade legt sich ein Mann auf die Liege. Eine Arzthelferin sitzt im Nebenraum vor einem Computerterminal und beobachtet ihn durch eine Glaswand. Als er bequem liegt, drückt sie einen Knopf: Die Liege mit dem Patienten fährt nach hinten, bis dessen Kopf und Oberkörper direkt zwischen den Scheiben liegen. Sie bilden eine Art Auge, das den Mann durchleuchten wird.

Eigentlich sind Magnetresonanztomografen eine tolle Erfindung. Mit ihnen können Ärzte detaillierte Bilder von Organen und Weichteilgeweben wie Nerven oder Blutgefäßen erstellen und diese auf Entzündungen, Verletzungen oder Tumoren untersuchen – und zwar ohne dass der Patient belastender Strahlung ausgesetzt oder gar aufgeschnitten werden müsste. Dennoch sind MRT-Geräte bei vielen Patienten gefürchtet: lange, enge Röhren, in die man meist mit dem Kopf voran hineingeschoben wird und in denen man unbeweglich liegen muss, manchmal für bis zu 30 Minuten! Mehr Sarg-Gefühl geht kaum.

Und wenn man erst einmal da liegt in seinem MRT-Sarg, beginnt der Krach. Ein ohrenbetäubender Lärm ertönt, der Assoziationen an einen irre gewordenen Bestattungsunternehmer weckt, der wie verrückt mit seinem Spaten von außen auf den MRT-Sarg haut.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Die Geräusche sind keine Schikane, sondern entstehen durch Magnetspulen, die starke elektromagnetische Impulse erzeugen. Mit diesen Impulsen kann das Gerät erstaunlich detaillierte Bilder aus dem Inneren des Körpers erzeugen. Gefährlich sind die starken Magnetfelder nicht, aber ihre Erzeugung ist wirklich laut – und in Kombination mit der Enge macht das die Untersuchung für einige Patienten regelrecht zur Tortur. Laut einer Studie der Uni Bochum fürchten sich viele Menschen genauso sehr vor dem MRT wie vor einer Operation. Drei Prozent aller Patienten trifft es richtig hart, sie bekommen in der Röhre Panik. Dann helfen auch keine Beruhigungsmittel mehr, sie müssen die Untersuchung abbrechen. Eine Alternative für solche Fälle: eine Vollnarkose, aber die ist nicht ohne Risiko.

Oder eben ein offener MRT. Rund 50 Arztpraxen in Deutschland verfügen mittlerweile über solche neuen Geräte. Deren Magnetspule ist zweigeteilt, daher die Assoziation mit den Brötchenhälften: Ein Teil steckt in der Platte über dem Patienten, der andere unter ihm. So hat er seitlich freie Sicht und viel mehr Platz als in den nur 60 bis 70 Zentimeter breiten Röhren gängiger MRT-Apparate. Für stark Übergewichtige und sehr große Menschen ist das deutlich angenehmer. Auch Klaustrophobiker, also Menschen, die extreme Furcht vor engen Räumen haben, kommen zu Georg Barzen nach Wedel. Nicht nur, weil sein offenes MRT geräumiger ist, sondern auch, weil sie einen Angehörigen mitbringen können, der ihnen während der Untersuchung die Hand hält, um sie zu beruhigen. Im offenen MRT kann ein Patient auch mit der Assistentin hinter der Glasscheibe Blickkontakt halten. Mütter können sich zu ihren Kindern auf die Liege legen. Kein Sarg-Gefühl stellt sich ein und ebenso wenig – das jedenfalls ist die Idee – Angst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016.

Doch wie zentral ist die Art des Apparats für das Gefühl während der Untersuchung? Forscher der Charité haben das im Jahr 2007 untersucht. Dazu verglichen sie zunächst ein altes MRT mit einem geräuschärmeren Modell, dessen Röhre zudem kürzer und breiter war. Anhand von Daten von rund 56.000 Patienten werteten sie aus, in welcher der Röhren es die meisten Klaustrophobie-Anfälle gegeben hatte. Das Ergebnis war eindeutig. In den klassischen Modellen hatten 2,1 Prozent der Patienten über Angstzustände geklagt, in den anderen nur 0,7 Prozent. Kurze Röhre schlägt also Sarg. Vier Jahre später ließen dieselben Wissenschaftler dann ein neuartiges, offenes MRT gegen das Kurzröhrengerät antreten. Ihre Stichprobe war mit nur 174 Probanden zwar sehr klein, aber all diese Patienten litten unter Klaustrophobie. Und diesmal war das Ergebnis ernüchternd: Im offenen MRT gab es fast so viele Abbrüche wie in der Kurzröhre.

Allein auf technischem Wege lässt sich das Problem mit der Angst also nicht immer lösen. Viel wichtiger als das Gerät sei der menschliche Kontakt zwischen Arzt und Patient, meint Peter Rinck. Der Radiologieprofessor arbeitet seit den achtziger Jahren mit unterschiedlichen MRTs und hat große Zentren in verschiedenen Ländern geleitet. "Oft werden die Leute schnell ins MRT geschoben und gescannt, und dann kommt schon der Nächste", sagt er. "Wenn man nur mehr auf die Bedürfnisse der Leute einginge, dann könnten die meisten Angstpatienten die Untersuchung auch abschließen." – So nennen Ärzte sie also, "Angstpatienten". Womöglich wäre auch die Charité-Studie anders ausgegangen, wenn die Patienten zudem psychologisch betreut worden wären. Dafür spricht, dass bei vielen Abbrechern schon Klaustrophobie einsetzte, bevor sie im MRT untersucht wurden.

Wie wichtig das Verhalten des Arztes ist, untermauert eine norwegische Studie aus dem Jahr 2014. Dort wurden über 1000 Menschen in verschiedenen MRT-Systemen untersucht. Die meisten kamen gut zurecht, jeder Zehnte aber verspürte Angst. Als sich dann das Fachpersonal besonders um diese Patienten und ihre Ängste kümmerte, etwa in Form guten Zuredens, konnten sie letztlich auch alle die Untersuchung durchführen. Abbruchrate: null Prozent. – Ein Wert, den selbst Georg Barzen in Wedel mit seinem offenen Gerät nicht erreicht, das viel teurer ist und schlechtere Bilder liefert.

Das wirksamste Mittel gegen die Angst sind also weder Beruhigungsmittel noch Hightech-Geräte – sondern Geduld und Zuwendung.

Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels war eine Formulierung missverständlich. Den Satz konnte man so interpretieren, als seien die Patienten nicht gut versorgt worden. Diesen Eindruck wollten wir aber nicht erwecken, darum haben wir die entsprechende Passage online präzisiert. Die Redaktion

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