Menschen an Bushaltestellen oder in Cafés, die synchron Tassen an die Münder führen und Beine übereinanderschlagen. Ein Tenor in rosa Hasenkostüm, der inmitten einer splittrigen Sperrholzhölle "Un aura amorosa" aus Mozarts Così fan tutte zum Besten gibt. Ein Knabenchor, der ein öffentliches Schwimmbad beseelt. Ein musiktheaterwissenschaftliches Symposium, auf dem ein Systembiologe den Vogel abschießt.Konspirative Busfahrten, Hände schüttelnde Einlassdiener und viele Kubikmeter Textmüll, den offenbar irgendwer irgendwann einfach vergessen hat. Ganz schön disparat, dieser erste Jahrgang der Münchener Biennale für neues Musiktheater unter neuer Leitung. Original mit Untertiteln lautet ihr Motto. Wem wäre auch entgangen, dass wir in disparaten Zeiten leben.

Die ästhetischen Tendenzen der 15 Uraufführungen jedenfalls (so man von Ästhetik sprechen will und darf) scheinen klar zu sein. Es wird dem Performativen gehuldigt, in seinen reichhaltigen Verlockungen, aber auch in seiner Unverbindlichkeit, ja Wahllosigkeit. New discipline heißt das Schlagwort dazu, das durch das Symposium geisterte, ohne recht definiert zu werden. Was also ist Musiktheater 2016? Offenbar die freiestmögliche Durchdringung aller Genres, das gleichberechtigte, von Machern wie Heiner Goebbels, Christoph Marthaler, Alain Platel oder René Pollesch motivierte Miteinander von Klang, Bild, Raum, Bewegung und Licht. Hört sich wenig neu an – man denke an Stockhausen oder an Wagner –, kommt aber in seiner Entschlossenheit, das Gesamtkunstwerk nicht als Summe zu denken, sondern als Ansammlung von Autonomien, zumindest unüblich daher. Der Musikwissenschaftler Jörn Peter Hiekel nennt das die "Signatur des Heute".

Daraus folgt die Ausweitung des Kompositionsbegriffs auf alles, was sich komponieren, also zusammensetzen lässt. Der Komponist ist nicht mehr nur der, der im stillen Kämmerlein Noten aufs Papier schreibt. Der Komponist kann genauso gut die Frequenz vorgeben, in der Menschen an Bushaltestellen die Beine übereinanderschlagen, oder Tenöre in Hasenkostümen fragen, was sie am liebsten singen wollen. Er tritt als Librettist, Regisseur und Performer in Erscheinung und möchte am liebsten in einem Schöpferkollektiv aufgehen. Der Komponist, bis vor Kurzem ein hoch spezialisierter Eskapist und Exot, ist plötzlich alles und nichts, kann nahezu alles und nichts – und macht seine Rezipienten auf diese Weise selbst zu Komponisten. Nie war der Grat zwischen Virtuosität und Dilettantismus so schmal.

Fast staunte man im Lauf dieses zweiten Biennale-Wochenendes über jeden Tonsetzer, der im strengen Sinn musikalisch arbeitet. Stephanie Haensler zum Beispiel überschreibt im Zentrum ihrer, nun ja, szenischen Installation Mnemo/scene: Echos (der Poesie der Stücktitel wäre ein eigenes Festival zu widmen!) Schumanns Romanze für Klavier op. 28 Nr. 2, indem sie diese in eine Aura vertraut-unvertrauter Klanglichkeit bettet. Mal ertönt Schumann im Original, mal verschwindet er hinter einem Schleier aus Luft- und Atemgeräuschen (von einem Instrumentalensemble gespielt), mal wird das romantische Lebensgefühl, das seine Musik wie keine andere verkörpert, regelrecht massakriert, als müssten wir unsere Sehnsüchte töten, um ihrer noch habhaft zu werden. Richtig verstörend und nach Theater klang das freilich nicht.

Macht es nun einen Unterschied, ob man einer Demontage wie dieser im Rahmen eines konventionellen Konzerts begegnete oder, wie jetzt in München, als Station eines installativen Parcours durch die Gewölbe des hippen Veranstaltungsortes Einstein-Kultur (Konzept Pauline Beaulieu, Ausstattung Yvonne Leinfelder)? Wahrscheinlich macht es einen Unterschied. Fragt sich nur, welchen. Die überdimensionalen Sitzsäcke, auf denen das flanierende Publikum in Gewölbe 3 rasten kann, sind sicher eine schöne Idee, um Blickwinkel zu verschieben, und auch das begehbare Hirn mit seinen Synapsenfetzen aus Papier und Gips im Nachbargewölbe bietet Inspiration. Das Zwingende einer Partitur aber geht Mnemo/scene: Echos ebenso ab wie allen anderen Genre-Hybriden des Festivals. Die Partitur, hieß es auf dem Symposium ("Echoräume und Suchbewegungen im heutigen Musiktheater"), sei nicht zwangsläufig das, was als Foliant auf dem Dirigentenpult im Orchestergraben ruhe – die Partitur erfasse vielmehr den "Text" der gesamten Inszenierung.