* 17. Januar 1942 - † 3. Juni 2016

"Japaner leben in Japan, Russen in Russland, Deutsche in Deutschland. Aber wo ist das Land, das "Schwarz" heißt?" Der Mann, der diese Frage stellte, ein junger Boxer aus dem amerikanischen Süden, der es gerade mit der Olympiamannschaft zu einigem Ruhm gebracht hatte, gab keine Antwort. Er war die Antwort. Dieses Land musste geschaffen werden, in der Bewegung, im Kampf, in Worten und in Rhythmen.

Muhammad Ali fand kein Land, das er "Heimat" hätte nennen können, er fand stattdessen eine sehr spezielle Form der Heldenreise. Das Ziel konnte Afrika heißen (der Ursprung) oder auch Black Power (die Zukunft) oder auch Pop (die Gegenwart des Unvereinbaren und Offenen, die schönste Unverschämtheit der Selbstermächtigung). Natürlich kann man Muhammad Alis Bild in eine Reihe setzen mit denen von Martin Luther King und Malcolm X oder auch zwischen Che Guevara und Mutter Teresa. Man kann ihn aber auch in eine Reihe setzen mit Andy Warhol, Jimi Hendrix und Madonna. Bei Muhammad Ali war immer alles auch Musik, auch Reim, auch Tanz, auch Oberfläche, auch Camp.

Jeder seiner Kämpfe war eine Metapher, es ging nicht nur um den Sieg

Jedenfalls war Muhammad Ali mehr als der schönste und größte Boxer aller Zeiten. Alles, was er tat, jedes Wort und jede Bewegung, hatte eine Bedeutung für die Welt. Oft war sie sonnenklar, manchmal musste sie erst erschlossen werden. Jeder seiner Kämpfe war eine Metapher. Es ging nicht nur um den Sieg. Es ging auch ums Prinzip. Oder, genauer gesagt, um den Kampf gegen falsche Prinzipien. Es ging nicht nur um eine persönliche Flucht aus Elend und Kriminalität, wie bei vielen seiner Gegner, weißen wie schwarzen, sondern um Erlösung. Es ging nicht nur um Sport, sondern auch um Gnade. Muhammad Ali war ein Messias, nicht mehr und nicht weniger. Und wie jeder anständige Messias hinterlässt er uns seine frohe Botschaft auf dem Hintergrund eines gewaltigen Scheiterns. Alle seine großen Triumphe waren die Vorbereitungen auf das große Opfer. Muhammad Ali versprach, die Welt zu verändern, indem er die Welt des Boxens veränderte (sichtbar gerade auch für so viele Menschen, denen das Boxen selber roh und unverständlich bleiben musste). Heute sieht sie so aus wie vor der Ankunft dieses zweifäustigen Messias. Oder schlimmer. Aber die Erinnerung an die Augenblicke der Gnade wollen sich nicht auslöschen lassen.

Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali nennen würde, war, obwohl er zu einem der wichtigsten Bilder in der afroamerikanischen Geschichte wurde, nie vollkommen schwarz für Schwarze und natürlich noch weniger vollkommen schwarz für Weiße. Er war nicht Unterschicht für Unterschichtler und schon gar nicht Unterschichtler für die Mittelklasse. Was ihn wirklich zum Größten machte, das war das Grenzgängerische in seinem Wesen, die lustvolle Ambiguität, die Verspiegelung seiner Maske. Kein Boxer vor ihm hatte solche "weichen" Züge, keiner war so verspielt und belustigt, keiner von sich selbst so berauscht. Und zugleich konnte kein anderer so wie er vermitteln, dass er sich bei alledem auch noch über den ganzen Zirkus lustig machte. Er überwand damit nicht bloß die Rassenschranke, sondern auch die reaktionäre Männlichkeitskonstruktion in diesem Sport, der einem Gladiatorenritual noch mehr entstammt als dem "edlen Sport" mit den Regeln eines britischen Aristokraten. Ali kämpfte nicht nur im Namen der black community, sondern im Namen aller "Minderheiten", im Namen all jener, die man ausgegrenzt und von der gesellschaftlichen Macht entfernt hatte, all jener, die man verachtete, weil sie nicht "eindeutig" waren und ihren Platz nicht kannten. Race, class, gender, generation – you name it. Denn auch das gehörte zu seiner Kampfansage: "Ich sage voraus, dass ich der jüngste Boxweltmeister aller Zeiten sein werde." Nur die Beatles taten es ihm in jenen sechziger Jahren darin gleich, mit der jugendlichsten Unverschämtheit Plätze der "Erwachsenen" zu besetzen.

Das Erstaunliche war, dass Clay mit alledem durchkam. Nicht was seine von niemandem angezweifelten sportlichen Fähigkeiten anbelangte. Nein, er kam auch in den Medien damit durch, er kam im Establishment damit durch, er kam in einem Boxbetrieb damit durch, der immer noch von Mafia, Hinterzimmer, Wettbetrug und alten Männern mit Zigarren und Scheckbüchern beherrscht schien. Zynisch gesprochen: Im Nachhinein wundert man sich, dass er nicht zu den großen Mordopfern dieser Zeit gehörte. Dass er nicht durch Intrigen oder Erpressungen zu Fall gebracht wurde, dass er sich zwar, gegen Ende seiner Karriere, in ein altes Zirkuspferd verwandelte, das einiges mit sich machen ließ, dass Cassius Clay alias Muhammad Ali aber nie seine Würde und seine Integrität verlor. Er hatte wohl wirklich eine Art Schutzengel.