Unser Gang ins Gebirge: nur ein kurzer Trip auf seinen Spuren. Harald Pager aber holte sich hier den Tod. Wir haben zwei Tage eingeplant für diesen kahlen, schroffen Koloss aus Granit. Pager blieb acht Jahre. In Furchen und an Flanken des Gesteins wollen wir Felszeichnungen anschauen, geschaffen von Künstlern am Ende der Steinzeit. Pager zeichnete damals in endloser Knochenarbeit 45.000 Figuren ab, er erfasste mit wissenschaftlicher Präzision 879 Fundstellen. Kein Mensch außer ihm schuf je ein so gewaltiges dokumentarisches Werk über Felskunst.

Sonnenaufgang am Brandberg. Mit dem Licht kommen die Farben. Das Grün der spärlichen Vegetation – Stinkbüsche, wilde Feigen, Akazien – und das Ocker von Fels und Geröll. Wir haben anfangs Glück. Eine Wolkendecke schiebt sich in den Himmel über uns. Kaum direkte Strahlen, trotzdem ist die Wärme beachtlich. Kein Weg ist eingezeichnet. Unscheinbare Steinhäufchen, im Lauf der Jahre als Orientierungshilfe auf Felsbrocken platziert, geben unserem Guide Alfons Hinweise, wo es in Richtung Gipfel geht.

Ich bin Teil einer Gruppe aus einheimischen Spurenlesern und deutschen Archäologen. Gemeinsam wagen wir den Aufstieg, um uns oben mit dem Anblick der schönen Kunst zu belohnen. Der Weg dorthin ist eine Herausforderung an die Physis. Denn rund um den mit 2573 Metern höchsten Berg Namibias liegt Wüste: die Namib. Mehr als 50.000 Zeichnungen haben Menschen hier oben hinterlassen. Die Werke sind zwei bis sechs Jahrtausende alt, geschaffen vermutlich von Vorfahren der San, jener Bevölkerungsgruppe, von der einige bis jüngst als Jäger und Sammler davon lebten, was Wüsten und Halbwüsten ihnen gaben.

Brandberg, von Ost: Rund um den mit 2.573 Metern höchsten Berg Namibias liegt Wüste. © Marie-Theres Erz

Das Heinrich-Barth-Institut der Universität Köln hat sechs Bände der Rock Paintings of the Upper Brandberg herausgegeben – dann lief das Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft aus. Erst jetzt, zehn Jahre später, gibt es das Werk als Ganzes zu sehen, das Pager im Auftrag der Uni von 1977 bis 1985 geschaffen hat. Als Teil des African Archaeology Archive Cologne (AAArC) werden die Zeichnungen weltweit online zugänglich gemacht, dazu Tausende unveröffentlichte Bilder und die Feldtagebücher des Grafikers.

Sein Werk sprengt jede Vorstellungskraft. Neben der Kopierarbeit hat Pager die Fundorte nicht nur mit seiner Hasselblad-Kamera fotografiert, sondern auch maßstabgetreu die Umgebung gezeichnet. Jeden Stein, der die Größe eines Fußballs erreichte, bildete er ab. Er rechnete mit ein bis zwei Jahren Arbeit. Am Ende reichten nicht mal die acht bis zu seinem Tod.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016.

Wer aufs Geratewohl losschreitet, läuft Gefahr zu scheitern. Sackgassen führen in Schluchten, Wege enden vor unbezwingbaren Brocken. Mit Alfons kommen wir gut voran. Doch die hüfthohen Stufen, auf die wir uns samt Rucksack immer wieder wuchten müssen, kosten Kraft. Der Schweiß fließt, wir trinken literweise. Das erleichtert unser Gepäck, vermittelt aber eine Ahnung davon, was für Abenteuer wir zu bewältigen haben. Denn ich überschlage die Mengen unseres Wasserverbrauchs, rechne hoch und stelle fest: Ja, das Wasser wird reichen – bis heute Abend. Morgen aber ist noch ein heißer Tag. Um zu überleben, werden wir, wie vor Jahrtausenden die Künstler, wie Pager, Wasser finden müssen. Irgendwo oben auf dem Berg, an dessen riesigem Fuß seit einer Million Jahren Trockenheit herrscht.

Der Sudetendeutsche Pager hatte sein Kunststudium in Graz abgeschlossen. 1952 wanderte er nach Südafrika aus und verdiente sein Geld als Werbegrafiker in Johannesburg. Er begann, sich für Felskunst zu interessieren, dokumentierte sie in Bildbänden. 1977 kam der Auftrag aus Köln. Pager überlegte nicht lange und machte sich auf zum Brandberg.