Schikane! Zwei Barrieren aus Autoreifen. Sie liegen versetzt hintereinander, eine sperrt die linke Spur der Piste, die andere die rechte. Ich könnte jetzt mit aller Vorsicht hindurchkurven – denkste. "Nicht vom Gas gehen!", befiehlt mein Beifahrer. Hinter mir röhrt ein Lotus Super Seven, der vorbeiwill. Ich trete das Gaspedal bis zum Anschlag, visiere die schmale Lücke zwischen den Sperren an, sie rast auf mich zu, ich atme aus und fahre glatt durch. "Jetzt rechts!", ruft der Beifahrer, ich schlage das Lenkrad ein und lasse den grünen Renner links an mir vorbeischießen. Puh.

Der Parcours ist ein 2,7 Kilometer langer, mit scharfen Kurven gewürzter Rundkurs auf einem Flugplatz namens "Hungriger Wolf", gelegen im schleswig-holsteinischen Hohenlockstedt. Hier finden jedes Jahr Ende Mai die Classic Motor Days statt: ein Festival des historischen Motorsports. Rund 220 Autos und Motorräder werden über die Strecke gehetzt, darunter Formel-Fahrzeuge und hochgezüchtete Rallye-Raketen. Mein Auto darf auch mitmachen, ein 38 Jahre alter Roadster namens Triumph Spitfire 1500.

Mit fachmännischer Unterstützung habe ich die Kiste technisch fit gemacht (einen Sportkrümmer eingebaut, den Doppelvergaser überholt, die eiernde Hinterachse ausgetauscht und was nicht alles), sodann Lack und Chrom auf Hochglanz gewienert, sogar die Reifen verschönert: mit schwarzem Gloss. Tja, so was gibt’s. Den unheilschwanger klingenden Anforderungen des Reglements, das mir die Rennleitung zugesandt hat, bin ich ebenfalls nachgekommen: vorne eine signalrote Öse zum Abschleppen an den Rahmen geschraubt sowie die unter dem Heck bereits vorhandenen Ösen rot lackiert; einen 2-Kilo-Feuerlöscher angeschafft, außerdem einen der ECE-Norm entsprechenden Rennhelm. Das Startgeld von 200 Euro bezahlt und der Versicherung Bescheid gegeben, die umgehend antwortete: keine Deckung. Ach so? Oha.

Ich bin kein Raser. Schon lange nicht mehr. Erst recht nicht in einem offenen Auto ohne Überrollbügel. Aber selbst ein serienmäßig gebliebener Spitfire ist ein Sportwagen: bretthart gefedert, ohne Servolenkung oder Bremskraftverstärker, also ausgelegt für direktes Betonpistengefühl. So etwas will artgerecht bewegt werden. Glücklicherweise ist mein Beifahrer Hans-Georg ein erfahrener Racer. Als in einer langen Kurve kein Konkurrent von hinten heranbraust, ruft er: "In die Mitte! Geh mit Lenkung und Gas so weit, wie du gehen kannst!" – von den Bremsen sagt er nichts. Steile Lernkurve, sozusagen.

Mein erstes Autorennen! Übrigens ist es gar kein Autorennen. Sondern eine Gleichmäßigkeitsprüfung: Pokale erhalten diejenigen, deren Rundenzeiten die geringsten Abweichungen zeigen. Aber eine Stoppuhr führt hier niemand mit. Keine Zeit, draufzuschauen. Auch nicht auf den Tacho, allenfalls mal kurz auf den Drehzahlmesser. Es gibt da nämlich eine Erfahrungsregel: Wer sich auf sein technisches und fahrerisches Limit konzentriert, der fährt mit hoher Wahrscheinlichkeit gleichmäßig. Deshalb wohl riecht es während der Runden hauptsächlich nach Reifenabrieb.

Im Prinzip existieren zwei Geschmacksrichtungen des historischen Motorsports. Da wären erstens die mit legendär gewordenen Rennwagen ausgetragenen Wettbewerbe, etwa 15 pro Jahr, deren Trophäen an die Schnellsten vergeben werden. So etwas findet beispielsweise auf dem Nürburgring oder dem Hockenheimring statt und zieht Zehntausende an. Wie im Motorsport mit modernen Boliden gibt es unterschiedliche Rennserien, etwa für besondere Wagentypen; zuweilen machen auch Fahrer mit, die den Blechkontakt nicht scheuen. Man braucht dafür ordentlich Geld und eine Rennfahrerlizenz.

Zweitens sind da die zahllosen Oldtimer-Rallyes, die derjenige gewinnt, der fehlerlos einen schnitzeljagdmäßig verrätselten Weg findet sowie auf bestimmten Strecken exakte Zeiten fährt; dafür sind Stoppuhren vonnöten. Macht auch Spaß, jedenfalls dann, wenn sich Fahrer und Beifahrer auf die Grundregel geeinigt haben: Das Gehirn sitzt rechts.

Ich bremse kurz und kräftig, unterdessen rutscht ein Porsche aus der Kurve

Es gibt Zwischenformen. Wie das Turnier auf dem "Hungrigen Wolf". Das ist übrigens auch wegen seiner Atmosphäre beliebt. Kollektives Herumfahren mit Oldtimern kann schrecklich kommerziell sein, in anderen Fällen ist es elitär bis zur Peinlichkeit. Doch in Hohenlockstedt geht es familiär und entspannt zu. Hier vermisst auch niemand eine VIP-Lounge. Alles wird von Ehrenamtlichen organisiert, und da muss vieles bedacht werden: Motorsport braucht Streckenposten und TÜV-Prüfer, Rettungskräfte und Werkstattzubehör, Lautsprecheranlagen und kundige Sprecher, Helfer für Auf- und Abbau, Versicherungsverträge und Papierkrieg mit Behörden, außerdem Kost, Logis und Toiletten. Für rund 5.000 Besucher an zwei Tagen.