Wie soll man einen Mann nennen, den es nach möglichst vielen Jahren im Knast verlangt? Die drei Jahre, die ihm drohen, reichen ihm nicht. Er fordert, in den Untiefen eines russischen Gefängnisses zu verschwinden, in dem das Essen selten reicht und die Zellen überfüllt sind. Ein Strafmaß von 20 Jahren hält er für angemessen. Er steckt in einem Käfig, eine Rippe von prügelnden Polizisten gebrochen, und ruft der Richterin zu: "Ich will wegen Terrorismus angeklagt werden!" Und schweigt fortan im Gerichtssaal 82, Moskauer Meschanski-Bezirksgericht.

"Pjotr Pawlenski. Geboren am 8. März 1984", nuschelt die Richterin. "Gemeldet in St. Petersburg. Zwei Kinder. Arbeitet nicht. Korrekt?"

Sie schaut Pawlenski an.

"..."

"Kennen Sie Ihre Rechte?"

"..."

Schweigen, das lauter dröhnt, als Worte es könnten.

Pjotr Pawlenski will mit diesem Machtapparat nicht reden. Was er ihm mitzuteilen hat, hat er auf andere Weise gesagt.

"Politische Kunst", so nennt Pawlenski, was er tut. Seine jüngste Aktion: In der Nacht zum 9. November 2015 gießt er Benzin über eine der hölzernen Türen der wuchtigen Geheimdienstzentrale, die unter dem Namen Lubjanka bekannt ist. Die Tür ist mehrere Meter hoch. Pawlenski zündet sie an. Dann nimmt er den Benzinkanister in beide Hände, baut sich vor den Flammen auf und wartet.

Die Lubjanka ist seit fast einem Jahrhundert Symbol staatlicher Willkürherrschaft. Hier hat der sowjetische Geheimdienst gemordet und gefoltert, hier reihten sich verzweifelte Menschen in Schlangen ein, um etwas über den Verbleib ihrer verschwundenen Angehörigen zu erfahren. Die Mauern der Lubjanka sind mit Blut getränkt. Es ist ein Ort des Grauens, der Nacht für Nacht hübsch beleuchtet wird. Heute arbeitet hier der russische Inlandsgeheimdienst FSB.

Um 1.16 Uhr werden die Wachleute alarmiert. Einer rennt zur brennenden Tür, so zeigen es Bilder der Überwachungskamera. Zwei Journalisten, die Pawlenski eingeweiht hat, kommen dazu. "Haltet ihn!", schreit der Wachmann. Er packt Pawlenski am Arm. Pawlenski steht da, in Pose erstarrt, die Journalisten filmen. Die Bilder, die in diesem Moment entstehen, sind für Pawlenski Teil seines Werks. Der Wachmann greift ihn im Nacken und drückt ihn zu Boden. Das Benzin läuft aus.

Später, als er im Gefängnis sitzt, wird Pawlenski Briefe an die ZEIT schreiben. In einem heißt es über seine Aktion: "Das ist ein Erfolg, von dem ich nicht zu träumen gewagt habe." Er wird verhaftet, er wird vor Gericht gestellt. Was könnte er mehr wollen?

"Bedrohung", Ugrosa, hat er diese Aktion genannt. Er sieht im Geheimdienst eine "terroristische Organisation". Früher hieß sie KGB, heute heißt sie FSB. Der Name mag sich geändert haben, das Ziel ist dasselbe geblieben: Angst verbreiten, Menschenleben zerstören. Das ist Pawlenskis Überzeugung.

Der letzte Künstler, der dem russischen Staat zum Opfer fiel, war der ukrainische Regisseur Oleh Senzow. Laut Geheimdienst hatte er Terroranschläge geplant. Außerdem soll Senzow an den Hauptquartieren zweier politischer Parteien auf der von Russland annektierten Krim die Türen angezündet haben – also zündete Pawlenski die Tür der Lubjanka an. Senzow wurde im Sommer 2015 zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt – also fordert Pawlenski vor Gericht jetzt ebenfalls 20 Jahre.

Pawlenskis Idee ist es, dem russischen Staat die Maske herunterzureißen. An ihm selbst soll der Staatsterror sichtbar werden. Was wie die Selbstopferung eines Irren wirkt, folgt einem Kalkül. Die Verhaftung, die Polizisten, das Ausharren im Gefängnis, der Prozess – all das hat Pawlenski so eingeplant. Er setzt der Radikalität des Machtapparats die Radikalität seiner Inszenierung entgegen.

Pjotr Pawlenski stellt eine alte Frage neu: Was ist Kunst, was will Kunst – und wo liegen ihre Grenzen?

Nach seiner Festnahme im November 2015 heißt es, Pawlenski komme für einen Monat in Haft. Am Heiligabend folgt eine Verlängerung der Untersuchungshaft, ebenso im Januar, dann im Februar, im April, so geht es immer weiter. Der Machtapparat lässt sich Zeit. Pawlenskis Anwalt, der den Wunsch seines Mandanten ignoriert, auf Jahre im Gefängnis zu bleiben, schaltet den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein: Pawlenski habe niemanden verletzt und nicht zu fliehen versucht. Aber Pjotr Pawlenski bleibt in Haft. Aus seinem Käfig schaut er dem Hin und Her vor Gericht zu, so wie ein Theaterregisseur seinen Schauspielern zuschaut. Und doch ist es sein Leben, über das hier verhandelt wird, seine Zukunft, die auf dem Spiel steht.