Auch Wirtschaft kann romantisch sein. So fühlte es sich jedenfalls an, im Mai 2014, als alles noch frisch war. Ein Start-up-Unternehmen aus Altona begann, die großen IT-Unternehmen dieser Welt herauszufordern. David gegen Goliath. Leidenschaft gegen Establishment. Immer eine gute Story. Bei dem Produkt, das zwei Hamburger Jungs ersonnen hatten, handelte es sich um eine kleine Server-Box, in der die Nutzer ihre sensiblen Daten speichern sollten, statt sie auf unsicheren Seiten im Netz zu hinterlassen.

Keine Bank sollte die Geschäftsidee finanzieren und keine Heuschrecke. Sondern sogenannte Crowdinvestoren, womit im Grunde jeder gemeint war. Und die Investoren kamen: In nicht mal einer Woche stellten mehr als 1800 "Schwarminvestoren" insgesamt drei Millionen Euro bereit. Medien in ganz Deutschland berichteten, manche in entzücktem Tonfall. Schließlich schien Protonet eine völlig neue Art von Unternehmen zu sein. Demokratisch. Sympathisch. Gut.

Wie gesagt: So sah es aus.

Zwei Jahre später ist – gelinde gesagt – der Zauber des Anfangs verflogen. Das erkennt man schon daran, dass die Sprecherin von Protonet erst einmal herumdruckst, als man Ende vergangener Woche wegen eines Interviews anfragt. Gründer Ali Jelveh? Sei im Silicon Valley unterwegs. Finanzchef Boris Siegenthaler? Sei auf Reisen. Vor allem aber: Man wolle mit Aussagen momentan vorsichtig sein – auch aus juristischen Gründen. Denn in der Tat: Einige Crowdinvestoren überlegen inzwischen, rechtlich gegen Protonet vorzugehen.

So weit ist die Sache also gekommen.

Als die drei Millionen Euro Mitte 2014 fließen, wird es um Protonet still. Erst im Februar dieses Jahres macht Protonet wieder Schlagzeilen – und zwar positive. Die kleine Hardwarefirma aus der Behringstraße hat es in den legendären amerikanischen Y Combinator geschafft. Das ist ein mehrwöchiges Trainingscamp für verheißungsvolle Jungfirmen. Heutige Milliardenunternehmen wie Airbnb oder Dropbox waren einst im Y Combinator. Kein Wunder, dass die Crowd zunächst euphorisch reagiert.

Dann jedoch werden einige Schwarminvestoren stutzig. Der Y Combinator ist nämlich keine gemeinnützige Einrichtung. Er will vom Erfolg der Start-ups, die er fördert, wirtschaftlich profitieren. In den Artikeln über den vermeintlichen Coup von Protonet steht: 120.000 Dollar, also umgerechnet gut 100.000 Euro, hat der Y Combinator in den Newcomer aus Deutschland investiert – und dafür sieben Prozent der Unternehmensanteile erhalten. Die Crowdanleger rechnen: Vor zwei Jahren hatten die Protonet-Gründer den Wert ihrer Firma auf knapp zwölf Millionen Euro beziffert. Wenn nun aber sieben Prozent der Anteile für gut 100.000 Euro zu haben sind – dann wären ja 100 Prozent, wenn man es hochrechnet, keine zwei Millionen Euro mehr wert. Wie bitte?

Es ist März. In einem Internetforum, das nur für das Unternehmen und die Crowdinvestoren zugänglich ist, werden erste kritische Fragen laut. Protonet reagiert zunächst nur zögerlich. Warum? Vermutlich weil die Wahrheit noch krasser ist als der Verdacht: Der vermeintliche Wertverlust ist nicht das eigentliche Problem.

Es geht um mehr. Die Gründer haben in den USA eine neue Firma installiert, die Protonet Inc. Und in die haben sie den kompletten Geschäftsbetrieb überführt, also Maschinen, Produkte, Kunden, Mitarbeiter – einfach alles. Die Altonaer Protonet GmbH, in die die Crowdinvestoren drei Millionen Euro investierten, ist jetzt nur noch eine leere Hülle.

Ein mieser Trick? Betrug womöglich? Für einige der damaligen Geldgeber sieht es jetzt genauso aus. Ganz so eindeutig ist die Sache dennoch nicht.

Redet man mit Leuten, die das Unternehmen und die Gründer kennen, hört man rührende Geschichten. Einer der ersten Kunden erzählt, wie er die Server-Box damals persönlich in der Behringstraße abholte. Und wie Ali Jelveh, also einer der Gründer, um den blumentopfgroßen orangefarbenen Kasten herumhüpfte, um ihn vorzuführen, "fast wie ein Kind." Erzählt man diesem Ur-Kunden vom vermeintlichen Betrug, dann schaut der einen ungläubig an und sagt: "Nee, passt nicht." Vielleicht sei "der Ali" ein bisschen verrückt. "Aber der zockt niemanden ab." Ähnliche Kommentare finden sich auch im Investorenforum. Klammern sich da einige an die romantische Story?