Auch andere im Verein erinnern sich noch lebhaft an sein Auftreten. Etwa Ralf Minge, heute Sportdirektor, damals Co-Trainer. Als es einmal Streit um eine Spieleraufstellung gab, habe Otto alles umschmeißen wollen; er selbst, Minge, sei stur geblieben. "Da hat er zu mir gesagt: Ralf, es wäre in Zukunft vielleicht besser, wenn du deine Kinder nicht allein auf der Straße herumlaufen lässt." Das war der Mensch Otto, der drohte und wütete und, wie Beteiligte sagen, im Umgang permanent Grenzen überschritt. Noch schlimmer für Minge war der Präsident Otto, weil der "dem Verein jahrelanges Chaos eingebrockt hat". Am Ende kam: der Absturz von der ersten in die vierte Spielklasse. Dynamo hatte unter Ottos Führung irgendwann mit zehn Millionen Mark Schulden dagestanden, sodass der Deutsche Fußball-Bund 1995 die Lizenz verweigerte – Ottos erster schwerer Schlag. Der zweite folgte nur Monate später: Otto hatte in seinen Baufirmen Gelder veruntreut, er wurde verhaftet und später wegen Bankrotts und Konkursverschleppung verurteilt. Der Verein brauchte zwei Jahrzehnte, um sich vom Beinahe-Ruin zu erholen.

Manche behaupten, Rolf-Jürgen Otto habe immer Präsident eines Fußballklubs werden wollen. Andere sagen, er habe nur Macht gewollt, egal wo, Hauptsache so viel wie möglich. In jedem Fall war er ein Lobbyist in eigener Sache und gnadenloser Netzwerker. Alles war miteinander verbunden, jeder seiner Machtbereiche nützlich für die anderen. Mit dem Lokalpolitiker Hans-Jürgen Behr trieb Otto ein gigantisches Immobilienprojekt voran, eine Eigenheimsiedlung in Schönfeld-Weißig im hügeligen Umland von Dresden. Hierbei interpretierte man Gesetze und Bauvorschriften großzügig. Anwohner und Naturschützer protestierten gegen das Turbo-Projekt, wurden aber ignoriert. Unten in der Stadt hieß es bald nur noch: "Da oben steppt der Behr!" Im Weißiger Bürgermeister Behr hatte Otto einen Partner mit ähnlichen Ambitionen gefunden, den er zum Vize-Präsidenten von Dynamo machte.

Der Chef selbst zog für seinen Verein auch Strippen in der Politik. Er stellte sich Dresdens FDP vor, die sein Potenzial schnell erkannte. Ingolf Roßberg, späterer Oberbürgermeister der Stadt, seinerzeit noch Aufsteiger in der FDP, verschaffte Otto dort Zutritt. "Er empfahl sich als Bereicherung für unser Wahlkampfteam, mit all seinen Verbindungen", sagt Roßberg. "Wir wussten: Wer die Fans von Dynamo in der Tasche hat, hat Tausende Wähler hinter sich."

Otto saß bald als Stadtrat im Dresdner Rathaus und hielt Brandreden, vor allem im Interesse seiner Projekte. Herbert Wagner, damals Oberbürgermeister, erinnert sich an Gänsehautauftritte. "Es ging in all den Jahren darum, dass Dynamo mal wieder die Stadionmiete nicht zahlen konnte." Otto habe stets versucht, den Preis zu drücken, und dafür alle Register gezogen. "Er schritt langsam nach vorn ans Rednerpult, schwer und mächtig, malte die dramatischsten Szenen aus, mal wisperte er, dann wieder donnerte er los. Am Ende wischte er sich eine Träne aus dem Auge und sagte: ›Nun müssen Sie entscheiden, liebe Stadträte …‹" Wagner sagt: "Er konnte die Leute mitreißen, man hing an seinen Lippen. Ich staunte über ihn und dachte: So könnte ich nie reden." Man kann diese Reden zweifach deuten: als Beleg dafür, wie Otto andere manipulierte. Oder dafür, wie sehr er sich für seinen Verein einsetzte.

Ingolf Roßberg bekam indes bald das Machtstreben seines Parteikameraden zu spüren. Als es um den FDP-Fraktionsvorsitz im Stadtrat ging, begehrte Otto gegen ihn auf, um sich selbst als Nummer eins in Position zu bringen. Der Kampf verlief unentschieden, Roßberg wechselte auf einen anderen Posten im Dresdner Umland und verfolgte Ottos Wege nur noch von Ferne. "Otto wollte permanent im Rampenlicht stehen", sagt Roßberg. "Er hätte sich noch mehr Ämter geholt, wenn nicht irgendwann die Handschellen geklickt hätten."

Am 2. August 1995 klopfte die Polizei an Ottos Hotelsuite. Er wurde in Bademantel und Schlappen verhaftet. Das Amt als FDP-Stadtrat war das letzte, das ihm blieb, er nahm es sogar mit ins Gefängnis. Sein Mandat legte er erst Monate später nieder.

Nach zweieinhalb Jahren Haft lebte er in Frankfurt, zurückgezogen und schwer krank. Die meiste Zeit verbrachte er in Kliniken. In Dresden hatte er keine Freunde mehr. Bei der Beerdigung standen zwei Dutzend Menschen an seinem Grab. Seine Frau Ursula, die ihn seit mehr als 40 Jahren kannte, will nicht öffentlich über ihren Mann sprechen, sie hat zu viele Schlagzeilen über ihn gelesen. "Er wurde nur noch als Ungeheuer dargestellt", sagt sie.

Zu Ottos ältesten Bekannten gehört Horst Reber, Gesellschaftsreporter aus Frankfurt. Er hat Otto von den Siebzigern bis zum letzten Weg auf den Friedhof begleitet. Schon früh war ihm klar: Otto ist eine Marke. Als der nach Dresden umzog, folgte Reber ihm und war ein Jahr lang Pressesprecher bei Dynamo. Heute sagt er: "Ich hätte ein Buch schreiben müssen über diese wilde Zeit im wilden Osten." Mittendrin Otto, für viele die überdimensionierte Ausgabe eines Klischee-Westdeutschen. "Aber für mich war er nicht in erster Linie ein typischer Wessi. Er ist generell aus dem Rahmen gefallen."

Rolf-Jürgen Otto, der Schuldige? Allein verantwortlich für so viele Skandale? Horst Reber sieht das anders. Nicht Dresden hatte es schwer mit Otto, sondern: In Dresden hatte Otto leichtes Spiel. "Es gab eine Menge Menschen, die ihm gefolgt sind, um etwas von seinem Glanz abzubekommen und daraus Profit zu schlagen", sagt Reber. "Es war eine Zeit für Menschen, die endlich auch einmal ans Licht wollten."