Als es vorbei war, schlich sie aus dem Büro, so peinlich war ihr das Ganze. Schließlich ist sie 29 und nicht 9! In einer Führungsposition! Mutter einer zweijährigen Tochter! Was passiert war? Meine Freundin Anna wurde von ihrem Chef gezwungen, sich bei einer Kollegin zu entschuldigen. Er war der Auffassung, ihr Ton sei zu scharf gewesen. Also musste sie unter seinen Augen zu ihrer Kollegin marschieren und "Tschuldigung" sagen, wie ein ungezogenes Schulkind. Obwohl sie kaum gestritten hatten. Anna erinnert sich eher an ein Wortgefecht, und es ging auch wirklich um was, eine Entscheidung musste her. "Was hat er davon, wenn ich in solchen Momenten nicht meine Meinung sage?", fragte mich Anna danach am Telefon. Ja, was hat er davon? Was alle wollen: Harmonie. Harmlosigkeit. Allgemeines Wohlbefinden. Dabei gäbe es gerade so viel, worüber wir streiten müssten.

Statt mal ein Ausrufezeichen zu setzen, beenden wir die meisten Diskussionen genau wie unsere SMS – mit Auslassungspunkten …

Der syrische Bürgerkrieg ist seit den Terrorangriffen in Brüssel, in Paris und in der Türkei auch Europas Krieg. In Deutschland wird wieder mit Angst Politik gemacht. Im vergangenen Jahr wurden 222 Anschläge auf Flüchtlingsheime verübt und nur vier Urteile gesprochen. Wir leben in Zeiten des abnehmenden Lichts. Und in Hamburger Büros wird schon leidenschaftliches Argumentieren unterbunden, um nur ja nicht das Betriebsklima zu stören. Oder neulich abends in einem Berliner Café. Wir saßen nach der Arbeit gemütlich beim Wein. Ein Freund, sein Vater ist Syrer, stellte die provokante Frage, warum der französische Präsident François Hollande, wenn er schon Flugzeuge Richtung Syrien und Irak schickt, nicht auch Vergeltungsschläge in Molenbeek plant – "ach, lasst uns doch lieber über was Schönes reden", warf jemand ein. "Ich hab gelesen, dass im Schillerkiez eine neue Ceviche-Bar aufgemacht hat." Thema beerdigt. Streitrisiko gebannt.

Was ist eigentlich los mit uns? Warum fällt das Streiten uns so schwer? Dabei meine ich mit Streit kein affektgeladenes Geschrei, kein dumpfes Rechthabenwollen. Davon haben wir genug vor der Flüchtlingsunterkunft in Clausnitz, auf den Pegida-Demos in Dresden und im Internet. Streiten ist zuhören, argumentieren, sich in den anderen hineinversetzen, fragen, nachdenken, antworten und notfalls noch mal von vorne anfangen. Streiten ist Rede und Gegenrede, bis man vor Erschöpfung ins Bett fällt oder ins Weinglas. Streiten ist anstrengend.

Deshalb lassen es die meisten lieber bleiben. Es wird zwar gelästert und gemeckert, gestichelt oder beleidigt nach Hause gegangen, aber gestritten wird nicht. Während sich Unbekannte in den digitalen Räumen als Rassisten oder Volksverräter beschimpfen, gilt es im Privaten schon als aggressiv, fünf Tage nicht auf eine SMS zu antworten. Draußen wird gehasst, drinnen geschwiegen. Fast jeder dritte Deutsche gibt in einer repräsentativen Umfrage von Parship an, den anderen lieber anzuschweigen, als anzusprechen, wenn etwas nicht stimmt. 42 Prozent der Befragten streiten sich nicht öfter als ein- bis zweimal im Monat.

Wer Auseinandersetzung sucht, stellt den Fernseher an und lässt andere an seiner statt kämpfen: die Parteisoldaten in den Talkshows, die entlang ihrer politischen Leitlinien spektakeln, oder Maxim Biller, der im Literarischen Quartett seine ehemals 100 Zeilen Hass aus der Zeitschrift Tempo auf 45 Minuten Sendezeit ausweitet. Das ist unterhaltsam und entlastend. Wo wir uns selbst nur noch heimlich erregen, tut es gut, wenn ein anderer das übernimmt. Vielleicht mögen wir deshalb auch Jan Böhmermann so gern. Weil der genau das macht, was wir uns nicht trauen: provozieren, attackieren, streiten. Statt mal einen Punkt zu machen oder ein Ausrufezeichen zu setzen, beenden wir die meisten Diskussionen in unserem Leben genau wie unsere SMS – mit Auslassungspunkten ...

Im Grunde haben wir das Streiten gar nicht verlernt: Man hat es uns nie beigebracht. Seit dem Kindergarten bläut man uns ein, wie wichtig es ist, offen zu sein, freundlich und tolerant. Immer, wenn es hitzig wurde, ging jemand dazwischen. Zum Einschlafen gab es Geschichten von Pippi Langstrumpfs Streichen, aber morgens aufstehen sollten wir als Tommy und Annika, gekämmt, gewaschen und mit guten Manieren. So sind wir zu Diplomaten geworden. Kennengelernt haben wir uns nicht.