Mit 23 der erste, mit 29 der große Romanerfolg, ein paar Jahre später fast schon wieder vergessen, kurz darauf verarmt und im Alkohol verkommen, mit 44 verstorben. Dazwischen viel Party, viel exzessives Leben und reichlich Eskapaden. Eine derartige Lebenskurve würde man eher von einem Popstar des späten als von einem Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts erwarten.

Tatsächlich hat F. Scott Fitzgerald nicht nur die Geschichte der amerikanischen Literatur vorangebracht – Der große Gatsby (1925) und Zärtlich war die Nacht (1934) zählen zum Kanon der Moderne –, er war auch der Kulturgeschichte ein Schrittchen voraus. Seine Biografie spannt sich zwischen den Kontrapunkten einer modernen Starvita auf: Glamour und Ruin. Ohne Zelda Fitzgerald, ihrerseits eine ebenso startaugliche wie tragische Figur, und ohne die turbulente Ehe, die Zelda und F. Scott über Jahre hin auf offener Bühne führten, wäre das Bild dieser Biografie allerdings nur halb so faszinierend. Sie waren das wildeste Kultpaar der Zwanziger, Vorläufer von Liz Taylor und Richard Burton, nur intellektueller. Zu ihren besten Zeiten forcierten sie ihr Image nicht anders als heutige Medienprofis, die wissen, wie man in die Zeitung kommt; mit nächtlichem Nacktbaden im Pool und lärmenden Fahrten auf dem Taxidach.

Stewart O’Nan, Jahrgang 1961, hat dem großen amerikanischen Kollegen nun eine Romanbiografie mit dem Titel Westlich des Sunset gewidmet, deren Interesse schon mit der Wahl des Lebensabschnitts feststeht. Denn sie konzentriert sich auf die letzten drei Jahre F. Scott Fitzgeralds, von 1937 bis zum Tod 1940. Es sind erbärmliche Jahre. Der Glamour ist verbraucht. Fitzgerald klammert sich an jeden noch so winzigen Auftrag, den er als Drehbuchautor bei Metro-Goldwyn-Mayer in Hollywood ergattern kann. Er lebt von Honoraren, die nie reichen, muss Zeldas Psychiatrieaufenthalte und das Internat für die gemeinsame Tochter finanzieren. Fitzgerald kämpft gegen die Trunksucht und darum, im Abspann eines Films namentlich genannt zu werden, zu dem er ein paar Szenendialoge beigesteuert hat. Einen festen Wohnsitz hat er längst nicht mehr. Im Hotel Garden of Allah bewohnt er ein Zimmer, mischt sich abends unter die illustre Gästeschar der Poolpartys, die sich auf der Glamourseite des Lebens befindet. Ernest Hemingway schwingt große Reden, Humphrey Bogart gibt sich abgeklärt, Dorothy Parker ist verlässlich klug, die Garbo huscht durch den Hintergrund, Marlene Dietrich hat Hemingway und den Haushalt ihrer Villa im Griff – und der Erschaffer des Großen Gatsby steckt sich heimlich einen Snack in die Tasche.

Es ist kein prominenzseliges Namedropping, was Stewart O’Nan hier betreibt, sondern saubere biografische Romanliteratur, in der Recherche und Imagination verschmelzen. Es war ja niemand dabei, wenn Fitzgerald sich im Morgengrauen aus dem Bett quälte und den Restalkohol in ein paar Litern Cola ertränkte, um vor den Bürostunden bei MGM wenigstens eine halbe Seite seines neuen Romans zu schreiben, oder eine Kurzgeschichte, die sein New Yorker Agent an irgendeine Zeitschrift verkaufen sollte. Und es ist nicht allzu viel überliefert von Fitzgeralds Beziehung zu seiner letzten Liebe, der Klatschkolumnistin Sheila Graham. Das Auf, vor allem aber das Ab der Liaison nimmt weite Teile der Romanhandlung ein. Auch hier sieht man Fitzgerald in einer wenig glanzvollen Rolle. Der Liebhaber verwandelt sich in einen Patienten, der von der jungen, lebenstüchtigen Geliebten mit Nahrung, Unterkünften, Arztterminen und strengen medizinischen Anweisungen versorgt wird. Um das Maß an Elend voll zu machen, plagt er sich mit Schuldgefühlen gegenüber Zelda, die auf der Ostseite des Kontinents ihr Leben in Kliniken fristet und vom Nochgatten mit Lügen, Halbwahrheiten und aus der Luft gegriffenen Zukunftsaussichten umpolstert wird.

Stewart O’Nan macht aus Fitzgerald keinen Märtyrer, der unter das Fallbeil der Zeitgeschichte geriet und der Ignoranz der Welt zum Opfer fiel. Zwar trifft beides in dosiertem Maß auf Fitzgeralds Biografie zu. Aber dass sein grausamer Ruin nicht zuletzt aus gewaltiger Hybris hervorging, das ist in jedem Moment dieses Buches klar, was sich der gelenkigen Erzählperspektive verdankt. Sie folgt aus intimer Nähe zur Gedanken- und Innenwelt des Protagonisten und bewahrt dabei doch eine Handbreit auktoriale Distanz. Anders gesagt: Westlich des Sunset ist eine subjektivistische Romanbiografie, die sich Objektivierung vorbehält.

Daraus ergibt sich die schlichte Frage: Was will Stewart O’Nan mit diesem Buch? Auf welche Idee, welches exemplarische Bild will er mit der Darstellung der drei letzten Elendsjahre Fitzgeralds eigentlich hinaus? Vermutlich auf ein Paradox, das im Verhältnis von Kunst und Leben nistet: Neben der Größe des Werks, das Fitzgerald hinterlassen hat, wird der biografische Kleinkram bedeutungslos, samt Champagnerduschen, Liebschaften, Schulden, Depression, Herzinfarkten et cetera. Aber ohne tiefe Erfahrung dieses Kleinkrams ist noch kein Werk geschaffen worden, das sich groß nennen darf. Die wahnwitzige Asymmetrie zwischen dem Abstieg eines Schriftstellers zu Lebzeiten und seinem postumen Aufstieg zur Gestalt der Weltliteratur wird in Westlich des Sunset geradezu schmerzhaft deutlich.

Stewart O’Nan: Westlich des Sunset. Roman; a. d. Engl. v. Th. Gunkel; Rowohlt Verlag, Reinbek 2016; 416 S., 19,95 €, als E-Book 16,99 €