Keine Angst vorm Fliegen – Seite 1

Seit Jahren ist Angela Merkel nun die mächtigste Frau der Welt. Doch wenn sie im November diesen Titel verlieren sollte, weil Hillary Clinton ins Weiße Haus einzieht, dann wird es einen Menschen geben, der sich darüber ganz besonders freut: Angela Merkel.

Endlich zu zweit.

Als Merkel anfing, hatte sie kaum Vorbilder, von denen sie sich etwas hätte abschauen können. Die vereinzelten Politikerinnen, die ihr in vergleichbaren Machtsphären vorausgingen, agierten zu ganz anderen Zeiten und in unvergleichlich anderen politischen Systemen. Wenn überhaupt, konnte sie auf Margaret Thatcher blicken. Die wiederum zu der Frage, wie eine Frau mit großer politischer Macht weibliche Politik betreiben könnte, nicht allzu viel beitrug. In ihren elf Jahren Downing Street Nr. 10 zeichnete sie sich vor allem durch eines aus: härter, kompromissloser und einschüchternder zu sein als alle Männer um sie herum. Männlicher zu sein als die Männer, das kann natürlich auch eine Lösung sein. Aber nicht für Angela Merkel.

Als die politisch wenig versierte Physikerin vor fast drei Jahrzehnten vom eingemotteten DDR-Sozialismus direkt in die gesamtdeutsche Spitzenpolitik geschleudert wurde, fehlte es ihr vollständig an der Härte eines Helmut Kohl, Oskar Lafontaine oder eben einer Maggie Thatcher. Sie war oft unsicher, einmal weinte sie im Kabinett, einmal in einer Zeitungsredaktion, später dann im Auto. So ist es überliefert. Bei diesen Tränen handelte es sich eben nicht, wie das bei mächtigen Männern üblich ist, um Sentimentalität – des Mannes Sensibilitätskompensat, die Härte des Tages verflüssigt sich in der Nacht –, vielmehr hatte man es bei ihr mit echtem Schwachwerden zu tun, mit Nicht-mehr-standhalten-Können.

Merkels Überlebensprogramm in einem ihr fremden westdeutschen und damals auch noch ausschließlich männlichen System bestand zunächst darin, äußerst vorsichtig zu sein und möglichst schnell zu lernen. Die Angela Merkel der ersten Jahre war darum in erster Linie konventionell, musste es vielleicht auch sein, weil ihr bloßes Frau- und Ossi-Sein schon genug Abrieb und Widerstand erzeugten.

Was das bedeutet? Nun, als wir im Jahr 2002 auf Rügen spazieren gingen und über ihre Kanzlerabilität sprachen, erzählte sie, dass sie in ihrer Kindheit nicht gut zu Fuß war, besonders wenn es abschüssig wurde, und heute, fügte sie hinzu, könne sie nicht gut stehen. Das war keineswegs metaphorisch gemeint, sondern wörtlich. Wie steht man als Frau? Zu breitbeinig geht nicht. Zu eng sieht zerbrechlich aus. Und wie schreitet frau Ehrenlegionen ab?

Und dann all die anderen körpersprachlichen Fragen: Wie drückt eine Frau ihren Machtanspruch aus? Gewiss nicht durch das Vorschieben des Beckens. Und Lässigkeit? Sicher nicht, indem sie die Hände in die Hosentaschen steckt. Und Kameradschaftlichkeitserweise, die es ja auch geben muss in der Politik, besonders bei innerparteilichen Gegnern? Schulterklopfen wie ein Duracell-Gorilla bietet sich da nicht unbedingt an. Ebenso wenig eignet sich für eine Frau das Herumbrüllen, Übertönen oder Ähnliches, eben alles, was auf Zweikampf hinausläuft oder körperliches Sichaufbauen.

Und das sind nur die Dinge, die mit der Physis zu tun haben. Noch schwerer zu beantworten scheint die Frage zu sein: Ist das, was wissenschaftlich, historisch und kulturell unter Politik verstanden wird, wirklich Politik im Allgemeinen oder spezifisch männliche Politik? Das kann man selbstverständlich erst wissen, wenn nicht nur eine Frau, sondern viele Frauen ganz oben mitspielen – ein Phänomen, das sich erst neuerdings allmählich entfaltet.

Es fällt ja auf, dass die Sprache der Politik und des politischen Journalismus von autoritären, männertümelnden Denk- und Redensarten nur so strotzt: Da wird "in den Senkel gestellt" und "das Gesicht verloren", jemand bekommt eine "Ohrfeige", eine "Abreibung" oder einen "Kinnhaken", da ist die Rede von "Hintersassen" und "Unterlingen", da wird regelmäßig einer "unter Druck gesetzt" und in einem fort jemand "besiegt", da wird alle naselang "die Machtfrage gestellt" und so weiter und so fort.

Das hat sich Angela Merkel alles sehr genau angesehen und etwas entdeckt: Die meisten Politiker verbrauchen ihre Energie für die Pavianhügel des Lebens, dauernd hungern sie nach Bestätigung. Obendrein lassen sie sich von Reiz-Reaktions-Schemata treiben, sind ungeduldig und oft undiszipliniert. Das war für die Neue aus dem Osten ein gewisser Vorteil: Denn sie war und tat von alledem das Gegenteil.

Lange Zeit wurde behauptet, sie habe alle männlichen Konkurrenten gekillt und verspeist, eine Art Schwarze Witwe. Dazu ist zweierlei zu sagen. Zum einen standen ihr ja nur Männer im Weg, wen sonst hätte sie wegbeißen sollen? Zum anderen: Die meisten ihrer gleichaltrigen Konkurrenten haben sich, um es in machopolitischer Sprache zu sagen, selbst abgeräumt, haben sich überschätzt, haben zu früh gelacht und sich zu früh gefreut – gern auch in Gruppen mit Schenkelklopfen. Und sie haben Merkel chronisch unterschätzt und, wenn es dann hart auf hart kam, die Nerven verloren. Und schon war’s passiert. Roland Koch, Friedrich Merz, Christian Wulff hätten es nicht für möglich gehalten. Nun wirken sie mehr oder weniger erfolgreich in der Privatwirtschaft.

Merkels Mikromachtpolitik

Und dann entwickelte Merkel ganz langsam ihren eigenen Stil. Viele fragen sich ja nicht erst seit heute: Wie schafft die das bloß alles? Immerhin hat das Tempo der Politik seit Adenauer, aber auch noch einmal seit Kohl und Schröder ungeheuer angezogen. Darauf gibt es zwei Antworten: Zum einen arbeitet sie ziemlich effizient mit ihrem engsten Beraterkreis. Der besteht zu einem guten Anteil aus Frauen und aus "minimalinvasiven Männern". So hat das Peter Altmaier genannt, der jetzt ihr Kanzleramtschef ist und ebenfalls minimalinvasiv, auch wenn er nicht so aussieht. Dieser Ausdruck bedeutet offenbar, dass sich die Männer dem im Kanzleramt vorherrschenden weiblichen Stil anpassen.

Was für ein Stil aber ist das? Soweit man das von außen erkennen kann: konkurrenzarm, no bullshit, kein Lemmingrennen darum, wer sich am meisten aufreibt und nachts möglichst viele Selbstzweckmails raushaut. Man fordert einander, man schont sich aber auch. Und wenn einmal nicht ganz so viel zu tun ist, verlassen auch diese Menschen um fünf Uhr nachmittags das Kanzleramt. Tatsächlich, ich habe es selbst gesehen.

Zum anderen: Vieles schafft sie eben auch nicht. Angela Merkel hat ein paar erhebliche Defizite, allen voran das Erklären und Vermitteln ihrer Politik. Was den Diskurs angeht, lebt sie gewissermaßen ständig im Dispo. Und man fragt sich, wieso ihr großes kommunikatives Talent, das sich intern so bewährt, der großen Öffentlichkeit so verborgen bleibt.

Das alles hört sich bisher ein bisschen nach Mikromachtpolitik an. Das Aufregendste – auch für Hillary Clinton – ist etwas anderes: Gibt es weibliche Weltpolitik? Macht Merkel die?

Da muss man etwas weiter ausholen. Internationale Politik ähnelt mehr als nationale – jedenfalls in Demokratien – dem Natur- oder Kriegszustand. Schiere Macht zählte da meistens sehr viel, vor allem militärische. Hinzu kommt, dass im Kalten Krieg die Weltpolitik von zwei großen Supermachtmachos mit enorm dicken Atomwaffenarsenalen geprägt war. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs blieb von diesen beiden Supermächten nur noch eine übrig. Doch bekanntermaßen reicht für eine richtige männliche Dominanz ein einziger Dominator aus.

Erst seit die Welt multipolarer, aufmüpfiger und chaotischer wird und die USA nach ihren aufreibenden vergeblichen Interventionskriegen schwächebedingt etwas gesprächiger werden und ihr permanentes geopolitisches Mansplaining ins Stocken gerät, entsteht Raum für eine andere Sorte Politik. Sylke Tempel hat das in der ZEIT auf die Formel "Decisions vs. Dynamics" gebracht. Damit meinte sie, dass männliche, autokratische Politiker in einer anarchisch-chaotischen Welt versuchen, mit wuchtigen Entscheidungen Macht zu demonstrieren, die sie nicht mehr haben – während sich weibliche Politik auf das Steuern und Einhegen von Dynamiken verlegt, die sich im Kern nicht ändern lassen. Man könnte sagen: Gärtnern statt Gesten.

Dieser Wechsel wurde begünstigt durch einen US-Präsidenten, der seinerseits zur weiblichen Seite tendierte, je länger seine Amtszeit dauerte. Immer mehr interessierte er sich für die Welt, immer weniger für seine eigene Gesichtswahrung.

Gendermäßig war ein Wendepunkt in der Weltgeschichte sicher die Ukrainekrise. Da hat sich ein klassischer Macho die Krim einverleibt, woraufhin ein – die Grenzen seiner Macht erkennender – amerikanischer Präsident die Führung des Westens in die Hand einer Frau legte (einer Europäerin, genauer gesagt – und Europa ist unter den Supermächten ja bekanntermaßen die Frau). Angela Merkel hat dann eine eigene, weiblich-europäische Methode gewählt, um Wladimir Putin zu stoppen: reden, reden, reden, ungerührt sein und vor allem – Wirtschaftssanktionen statt Panzern, Raketen und Bomben.

Bei der Münchner Sicherheitskonferenz im vergangenen Jahr konnte man die beiden Prinzipien aufeinanderprallen sehen: auf der einen Seite vor Selbstbewusstsein und Selbstgerechtigkeit förmlich platzende amerikanische Senatoren, die die deutsche Kanzlerin attackierten, weil die keine Waffen an die Ukraine liefern wollte – auf der anderen Seite eine nicht aus der Ruhe zu bringende Angela Merkel, die ihnen einfach ihr Nein entgegenhielt: "Ich glaube nicht, dass Waffenlieferungen Wladimir Putin beeindrucken werden."

Die Senatoren sind dann unter einigem Trara wieder abgereist, die Kanzlerin machte Ukrainepolitik. Ihre.

Das alles sind zarte Konturen einer weiblichen Politik, keiner weiß, ob sich das durchsetzen wird. Keiner weiß auch, ob weibliche Politik auf lange Sicht erfolgreicher ist als männliche. Man kann nur sicher sagen: Besser, es gibt zwei Methoden als bloß eine. Und besser, es gibt zwei sehr mächtige Frauen als bloß eine. In diesem Sinne kann man sich auf Hillary so sehr freuen, wie man sich vor Donald fürchten muss.