Erst nur Tonscherben, dann die Reste einer Stadt und schließlich das Kunstwerk, das alle frohlocken ließ: ein vergoldeter Pferdekopf, lebensgroß. Archäologen schwärmten von der Preziose, deren Bedeutung sich mit derjenigen der Himmelsscheibe von Nebra und der Steinstatue des Keltenfürsten vom Glauberg vergleichen lasse. Und die damalige Ministerin für Wissenschaft und Kunst träumte von einer baldigen "Sonderausstellung an einem zentralen Ort in Hessen", an dem der Jahrhundertfund "der Öffentlichkeit präsentiert werden" sollte.

Das ist lange her. Der Zeitpunkt des Fundes liegt sieben Jahre zurück. Ex-Ministerin Eva Kühne-Hörmann kündigte 2010 die baldige Sonderausstellung an. Der Pferdekopf ist längst konserviert und restauriert. Kosten: 150.000 Euro. Aber die Öffentlichkeit, die das Facelifting bezahlte und der er mit Brimborium hätte präsentiert werden sollen, durfte den Schädel noch immer nicht sehen. Und daran wird sich nicht so schnell etwas ändern. Das edle Stück liegt versenkt im tiefen Keller des Landesdenkmalamtes in Wiesbaden. Vermutlich wird noch lange darum gestritten werden.

Denn noch immer geht es ums Kopfgeld. Konkret darum, dass der Eigentümer, auf dessen Boden der bronzene Kopf gefunden wurde, Anrecht hätte auf eine Entschädigung. Laut dem 2009 gültigen Hessischen Denkmalschutzgesetz steht sie ihm zu, abhängig vom Wert des Objekts. Und in diesem Punkt scheiden sich die Geister. Mittlerweile beschäftigen sich mit dem Fall die Gerichte. Und die Öffentlichkeit wartet weiter darauf, dass sie endlich zu sehen bekommt, was ihr eigentlich gehört.

Das ominöse Haupt war wohl Teil eines vergoldeten bronzenen Reiterstandbilds des Kaisers Augustus – gefertigt um die Zeit von Christi Geburt. Es ist 14 Kilogramm schwer und 55 Zentimeter lang. Fundort ist das mittelhessische Waldgirmes bei Wetzlar. 1993 begann man dort mit den Ausgrabungen. Die Überraschung war groß, als die Archäologen nicht auf ein weiteres römisches Militärlager à la Haltern an der Lippe, sondern auf eine zivile Siedlung stießen. Offenbar eine mit gewaltigem Aufwand errichtete römische Provinzverwaltung, um das Leben in den germanischen Gebieten zu organisieren: Atriumhäuser in mediterraner Architektur, Wohnhäuser mit Wandelgängen, ein Forum mit 54 mal 45 Meter großer Basilika. Mit Waldgirmes war somit erstmals eine jener historisch verbrieften Stadtgründungen östlich des Rheins entdeckt worden, die Rom zu jener Zeit errichten ließ, als Varus das Kommando in Germanien übernahm – im Jahr 7 nach Christus.

Im Innenhof der Basilika stießen die Ausgräber auf die Reste von fünf Sockeln aus lothringischem Kalkstein. 168 Fragmente aus Bronze legten nahe, dass darauf einst Bronzestatuen standen. Eine davon zeigte wahrscheinlich den ersten römischen Kaiser Augustus zu Pferd. Sogar der Kopf des imperialen Gauls fand sich – versenkt in einem hölzernen Brunnen in elf Meter Tiefe.

Er sorgte erst für eitel Freude, bald für anhaltendes Kopfzerbrechen. Denn nach dem Paragrafen 984 BGB, der zu der Zeit der Entdeckung des Kopfes 2009 in Hessen Gesetz war, gehörte dem Finder die eine und dem Grundstückseigentümer die andere Hälfte des historischen Fundes. So sieht es die Hadrianische Teilung vor. Das Landesdenkmalschutzgesetz schrieb somit dem Land Hessen damals vor, dass es sich mit dem Landeigentümer, in dessen Boden der Pferdekopf entdeckt worden war, über "eine angemessene Entschädigung in Geld" einigen musste.

Dass die Einigung bisher nicht zustande gekommen ist, liegt womöglich an der Redseligkeit des früheren Landesärchäologen, Egon Schallmayer. Der hatte im Januar 2011 verraten: "In einem ersten Gutachten wird der Wert des Pferdekopfes auf drei Millionen Euro geschätzt." Von der Nennung dieser astronomischen Summe erfuhr natürlich der Grundstückseigentümer in Waldgirmes. Dieser hätte also, rein rechnerisch, mit 1,5 Millionen Euro rechnen können.

Wie viel der Kopf tatsächlich wert ist, bleibt seit Jahren ein Geheimnis. Auch von einer hohen sechsstelligen Summe war mal die Rede. Und von einem Gutachten, das vor den Sommerferien 2015 hätte vorliegen sollen. Von dem will das für die Entschädigung zuständige Regierungspräsidium in Gießen mittlerweile aber nichts mehr wissen.