In der Politik ist Lässigkeit ein schmaler Grat. Wer auf ihm wandelt, ist permanent gefährdet, in die Höllenfeuer der Lächerlichkeit abzustürzen. Karl-Theodor zu Guttenberg zum Beispiel: wie er sich einst ein AC/DC-Shirt über das Hemd zog, oder wie er mit Pilotenbrille im Dunst von Kundus stand. Eindeutig zu gewollt.

Barack Obama, klar, das kann man vor seinem Abgang noch mal sagen: Lässiger geht es nicht. Trifft, auch wenn eine Kamera auf ihn hält, mit souveränem Sprungwurf den Korb. Oder er verkündet, wie letzte Woche geschehen, die Bilanz seiner Regierungszeit als Slow-Jam-Session in Jimmy Fallons Tonight Show.

Und dann sein Nachbar im Norden, Justin Trudeau, Kanadas Premierminister. Der immer aussieht, als komme er gerade vom Strand. Der tätowiert ist und boxt. Trudeau, der Lässigkeitsstreber.

Spät, aber entschieden greift jetzt auch Frank-Walter Steinmeier, unser Außenminister, in den Zehnkampf der Lässigkeit ein. Das Auswärtige Amt ist neuerdings auf Instagram, wie Justin Trudeau, wie Barack Obama. Und da Instagram die Plattform der Fitten und Jungen ist, begrüßt Steinmeier die Abonnenten des Kanals per Video, ungelogen, mit diesem Satz: "Hey, Ladies and Gentlenerds, freshness ist alles!"

Man sitzt da, verstört und starrt: Frank-Walter findet, dass freshness alles ist. Man schaut es ein zweites Mal an. Immerhin, das sieht man: Der Minister hebt ironisierend die Augenbraue. Ein kleines, sympathisches Signal der Verzweiflung. Als wolle der Außenminister die Botschaft mitsenden: Leute, mir kommt das auch seltsam vor. Aber mein Social-Media-Team hat mich überredet.

Und es ist ja auch eine schwierige Mission: als Sozialdemokrat lässig zu sein. Zu sehr wird die SPD mit Sigmar Gabriel assoziiert. Mit Stehtischen und Bratwürsten, mit rotköpfigen Gewerkschaftern. Mit einer verdammt mittelmäßigen Optik. Da fällt schon einer wie Heiko Maas aus der Reihe, der Bundesjustizminister, nur weil er morgens in einen Anzug steigt, der ganz gut passt. Und weil er mit seiner Schauspielerin rote Teppiche abschreitet, ohne zu stolpern. Oder Katarina Barley, die Generalsekretärin, über die Moritz von Uslar neulich in dieser Zeitung schrieb: "Sie sieht, Entschuldigung, gar nicht wie eine SPD-Politikerin aus, irgendwie eleganter, internationaler, besser gekleidet." Aber es geht nicht nur um Kleidung. Es geht um viel mehr.

Lässig ist, wer sich eigener Sprache bedient. Wer selbstbewusst genug ist, sein Glück nicht an Ämter zu hängen. Mut ist lässig. Selbstironie ist lässig. Lässig ist ein unbeirrter, aber schlendernder Gang. Auch Sozialdemokraten können lässig sein. Das beweist Christian Kern (SPÖ), seit vier Wochen Bundeskanzler in Österreich. Der wahrscheinlich coolste Regierungschef Europas. Ein Quereinsteiger. Da gibt es dieses Bild auf seinem Instagram-Kanal. Man will das sofort Frank-Walter Steinmeier zeigen. Denn das ist wirklich fresh.

Unscharfer Spiegel einer Vespa im Vordergrund, Säulen im Hintergrund, mediterrane Anmutung. Christian Kern, in der Mitte des Bildes, geht durch Wien und hat dabei was unübersehbar Agentenhaftes. Was nicht nur die Sonnenbrille macht und der leicht geöffnete Mund, als sei er notfalls zum Küssen bereit, sondern die gesamte Haltung, die Ruhe und Entschiedenheit seines Gangs. Er schlendert in das Chaos der österreichischen Politik, FPÖ, lahme Wirtschaft, kaputte Volksparteien, und alles an ihm sagt: Ich regle das mal. Und währenddessen schleicht sich Werner Faymann weg, der Ex-Kanzler, ein Mann mit dem Charisma eines Eichhörnchens.

Selbstverständlich wäre das nicht mehr als ein Bild, hätte Christian Kern nicht eine fulminante Antrittsrede vor dem Parlament gehalten. Für Mut, Weltoffenheit, gegen Angst. Eine Rede für die Abgewendeten und Ermüdeten. Für jene, die sich wundern über die Ästhetik der Berufspolitik: die Sprache, Gesten, Rituale.

Politik wird nicht lässig, wenn man sie schräg fotografiert. Lässig wird sie erst, wenn sie Lust macht auf die Zukunft. Na, SPD, wie wär’s mal mit einem Praktikum in Wien?