Idyllische Szene in Évian: Vor dem Hotel Royal parkt eine Limousine, an der sich ein Hotelangestellter mit weichem Läppchen zu schaffen macht. Er poliert selbstvergessen erst die Stoßstange, dann jeden Reliefbuchstaben des Nummernschilds. Mit diesem schweren Wagen werden die obersten Funktionäre des DFB gleich zum Training der Nationalmannschaft fahren. Hotel und Trainingsplatz liegen etwa 300 Meter voneinander entfernt. Aber es ist undenkbar, dass man als deutscher Fußballmensch hier zu Fuß ginge. Überall ist Polizei, in den umliegenden Straßen herrscht Halteverbot. Der Weltfußball hat sich, mitten in Europa, seine eigene Wirklichkeit erschaffen, irgendwo zwischen dem Luxus des Hochadels und ewiger Flughafen-Security.

Hoch über dem Genfer See haben sich die Deutschen eingerichtet. In einer Erholungslandschaft aus Golf- und Tennisplätzen liegt das Hotel Ermitage. Es ist das Hotel der Fußballnationalmannschaft. Ein klein wenig weiter talwärts, über dem Kur- und Heilwasserstädtchen Évian emporragend wie eine Krone, steht das Hotel Royal. Es ist das Hotel der Fußballfunktionäre. Nur nebenbei: Das Mannschaftshotel hat vier Sterne, das Funktionärshotel hat fünf. Aber immerhin: Beide Hotelparks sind durch eine streng bewachte Fußgängerbrücke verbunden.

Die deutsche Abwehr wirkt wie Slapstickartisten – virtuos und spektakulär

Eine Frage, die schon den Adel umtrieb: Was tut man mit all dem Luxus?

Was treiben die Spieler in den Ruhezeiten zwischen den Spielen?

Sie lassen nachklingen, was sie erlebt haben. Unmittelbar nach Spielen schlafen viele von ihnen schlecht, misslungene Spielzüge rumoren im Kopf, Adrenalin verglüht. Und am nächsten Tag wird das Geschehen rekapituliert. Scouts (Spielbeobachter) schütten säckeweise Material aus, das von Technikern der Softwarefirma SAP für jeden Spieler speziell aufbereitet wird. Hier oben, über dem See, soll Marcel Proust einige Passagen seines Jahrhundertwerks Auf der Suche nach der verlorenen Zeit verfasst haben, und auch die DFB-Sportsleute verbringen eine Menge Zeit mit der Aufarbeitung der Vergangenheit.

Deutschland gegen die Ukraine. In der Tat lieferte dieses Spiel bestes Bildmaterial für Leute, die auf YouTube ansonsten gern russische Autounfälle sehen. Schürrle, der einen Torschuss rechtsfüßig abfeuert und linksfüßig abfälscht. Mustafi, der um ein Haar noch ein zweites tolles Kopfballtor gemacht hätte – ins eigene Netz. Müller, der mit dem Fuß ausholt, den Ball dann aber mit dem Kopf trifft – und so den Fußkopfball erfindet.

Namentlich die deutsche Abwehr wirkt wie ein Slapstickartistenteam, das virtuos und optisch spektakulär die Fehler auswetzt, die es zuvor anzettelt. Herrlich anzusehen: Feuerwehrleute, die mit wehenden Haaren die Brände löschen, die sie selbst gelegt haben.

Und dann Jérôme Boateng!

Wenn einem deutschen Spieler die ersten Tage dieses Turniers gehören, dann ihm. Der Deutsche an sich wolle, so hatte der AfD-Mann Alexander Gauland kürzlich gesagt, "einen Boateng" nicht im Alltag um sich haben. Woraufhin unzählige Deutsche sich dahingehend äußerten, dass sie genau diesen Mann gern als Nachbarn hätten – es schien plötzlich der größte Wunsch des aufgeklärten Zentraleuropäers zu sein, eine Einliegerwohnung im Hause Boateng zu bewohnen.

Und nun hat Boateng in einem Akt höchster Symbolik das Tor von Manuel Neuer, also eigentlich: das deutsche Haus, vor einem Treffer bewahrt. In Lille vereitelte er einen Gegentreffer, indem er den Ball im Flug überholte und ihn, selbst im Tor einschlagend, ins Spielfeld zurückschoss. Boateng, der schwebende Netzgladiator, der das Allerheiligste seines Landes beschützt: ein unvergessliches Bild.

Auch der Chef der weltmeisterlichen Clowns- und Künstlergruppe, Joachim Löw, stand bei der Bilderproduktion nicht abseits. Er griff sich, von der Weltnetzgemeinde mit indignierter Faszination betrachtet, während des Spiels öffentlich in den Schritt. The Sun, das englische Qualitätsblatt für den lebenslustigen Bier- und Brexit-Befürworter, fasst die Sache so: "The German boss was caught shoving his mitts where the sun doesn’t shine" – Joachim Löw griff sich dorthin, wo keine Sonne scheint.

Zum Glück trat dann in Lille noch in der 90. Minute der edelblonde, weltberühmte Zirkusdirektor Bastian Schweinsteiger aus seinem persönlichen Tunnel, in dem er nach dem Weltmeisterschaftsfinale 2014 verschwunden war – er eilte, kaum eingewechselt, übers Feld, schoss ein Dropkick-Tor und ließ, mit wuchtiger Eleganz, den wilden Abend wie eine Gala enden.

Währenddessen lieferte die EM ganz andere Bilder: die fürchterlichen Hooligan-Turniere in Marseille, die von Sicherheitskräften belagerten Stadien, deutsche Nazi-Fans in Lille. Keine EM zuvor war jemals so sehr von Angst grundiert.