Sind Frauen Menschen? Theologie, Wissenschaft und Politik haben diese wertvolle Frage lange und sehr ernsthaft diskutiert, bis linke Denkverbote und der Terror der Political Correctness den fruchtvollen Diskurs im Abendland leider, leider gänzlich zum Erliegen brachten. Ein Strom von Streitschriften ergießt sich durch die Jahrhunderte, und selbst heute noch scheint die einst hochbrisante Debatte zärtlich auf. Zum Beispiel wenn davon die Rede ist, dass Frauen, vor allem Politikerinnen, mehr Empathie besäßen, eine höhere emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz, dass sie eben nicht weniger, sondern mehr Mensch seien als die Männer. Den Marine Le Pens und Frauke Petrys will man’s sofort glauben.

Ob mehr oder weniger Mensch (oder Mann, wie der griechische Philosoph Aristoteles meinte) – Europas berühmte Selbstherrscherinnen jedenfalls, von Kastiliens gottgefälliger Isabella, von Englands Bloody Mary bis hin zu Russlands großer Katharina, kümmerte dergleichen Zank wenig. Ihre Politik unterscheidet sich um nichts von der männlicher Fürsten.

Ausnahmeerscheinungen sind sie allesamt. Denn natürlich gibt es auch in dieser Phase der abendländischen Weltgeschichte nur wenige Frauen, die überhaupt zur Herrschaft gelangen, die wirklich Macht, politische Macht besitzen. Stand und Rang, die Interessen der Dynastie bestimmen ihr Tun, sichern ihnen das Amt, das ihnen Gott allein gegeben hat. Dort, wo uraltes misogynes Erbrecht, wie das Salische Gesetz in Frankreich und weiten Teilen Resteuropas, die weibliche Thronfolge ausschließen, regieren Frauen oft viele Jahre als Fürstenwitwen und mütterliche Regentinnen für den designierten minderjährigen Herrscher. Notorisch sind die Damen Medici, Katharina und Maria, die lange Frankreichs Schicksal bestimmen, und ganz gewiss nicht nur zum Guten.

Hinzu kommt die "Regierung der Nacht", die Herrschaft der machtfreudigen Mätressen: Vom Krieg gegen die drei Unterröcke spricht Preußenkönig Friedrich II., als seinem Haus im Siebenjährigen Krieg der Untergang droht. Er zielt damit auf die feindliche Koalition aus Österreichs Kaiserin Maria Theresia, der russischen Zarin Elisabeth – und Madame de Pompadour, der maîtresse en titre in Versailles. Ein Titel, der sich für die Pompadour getrost mit "geschäftsführende Mätresse" übersetzen lässt. Das Ausmaß ihres Einflusses auf Frankreichs Außenpolitik mag umstritten sein, Patronin der Aufklärer bleibt sie allemal. Ohne ihre diskrete Protektion hätten Denis Diderot und die Seinen das wirkmächtigste Werk der Epoche, die große Enzyklopädie, nicht vollenden können. Es ist gewiss nur ein Zufall oder ein Witz der Geschichte, aber ein geistreicher, dass ihre Pariser Adresse, der Élysée-Palast, heute das Zentrum der Macht ist, der Amtssitz des französischen Präsidenten.

Frauen auf und hinter dem Thron führen Krieg und fördern die Künste, sie hetzen zu Massakern und stiften Frieden, sie morden und reformieren, alles wie die Männer auch. Englands Königin Maria erweist sich ganz als die Tochter ihres Vaters, des despotischen Heinrich VIII. Mit aller Gewalt will sie ihr Land rekatholisieren, eifrig brennen die frommen Scheiterhaufen. Ihre Halbschwester Elisabeth, die ihr 1558 auf den Thron folgt, steht ihr in ihrer Herrschlust nicht nach. Als 1588 die spanische Armada England bedroht, tritt die jungfräuliche Königin vor ihre Truppen und beschwört den Sieg: "Ich weiß, dass ich nur den Körper einer schwachen Frau habe, aber ich habe das Herz und den Magen eines Königs." Zur selben Zeit überlässt sie ihre Rivalin Maria Stuart, Königin von Schottland, nach gewonnenem Machtkampf dem Henker. Die Staatsräson will es so. Auf der anderen Seite des Kanals, in Paris, hat nur wenige Jahre zuvor, in der Bartholomäusnacht 1572, Katharina von Medici ihren Segen gegeben zum großen katholischen Gemetzel an Frankreichs Protestanten – weniger aus religiösem Fanatismus denn ebenfalls aus einer mörderischen Staatsräson.

"Unsex me here", beschwört Shakespeares Lady Macbeth die bösen Geister und spricht sich Mut zu. Es ist der Mut zur grausen Tat, denn ihr Mann soll nach ihrem Willen morden. Die Szene erhellt auf poetische Weise: Machtge- oder -missbrauch setzte in den Augen der Welt Männlichkeit voraus. Eine Frau, die herrschen wollte, musste ihr Geschlecht, wie es traditionell definiert war, verleugnen. So blieben denn etliche markante Autokratinnen ehe- resp. kinderlos. Oder entledigten sich kurzerhand auf ihrem Weg zur Macht des lästigen Gemahls.

Katharina von Russland kennt da wenig Skrupel. Zar Peter III., ihr Mann, "schafft es" nicht – um ein Lieblingsverb der Katharina-Bewunderin Angela Merkel zu verwenden. 1762 wird er, nur wenige Monate nach seiner Thronbesteigung, letal entsorgt. Die Witwe übernimmt. Als Katharina 34 Jahre später stirbt, ist Russland zu einer globalen Großmacht aufgestiegen.