Wisbech, ein Ort nahe der englischen Nordseeküste mit einer Kirche aus dem Mittelalter, vielen Pubs und noch mehr Klinkerbauten. Dazwischen: ein polnischer Supermarkt, polnische Restaurants, portugiesische Restaurants. Auf den ersten Blick scheint Wisbech Kulisse eines vereinten Europas zu sein. Auf den zweiten Blick sitzt da Jim, 60 Jahre, Glatze, breiter Nacken, Bier trinkend am Tresen des Maypole Pubs. Jim sagt: "Migration ist schön und gut. Aber dank der EU haben wir die Kontrolle über unsere eigenen Grenzen verloren." Am 23. Juni wird Jim daher für den Brexit stimmen.

In Großbritannien leben mehr europäische Zuwanderer als in den meisten anderen EU-Staaten. Für den Ausgang des Referendums ist die Migration eines der entscheidenden Themen.

Wer sich neben Jim an den Tresen setzt und sich mit ihm unterhält, merkt schnell, dass er und die Brexit-Befürworter hier einen Unterschied machen zwischen denjenigen, die vor längerer Zeit zuzogen, und denen, die jetzt kommen. Das Maypole Pub gehört Pablo und Maria Sousa, das Ehepaar kam vor 25 Jahren aus Lissabon nach Wisbech. "Die alte Hakennase ist kein Ausländer", sagt Jim über Pablo Sousa. "Der ist so englisch wie ich." Die neuen Immigranten dagegen, die seien ein echtes Problem. "Neuerdings streunt eine Bande durch die Gärten unserer Nachbarschaft und klaut die Wäsche direkt von der Leine", sagt Jim. "Das muss man sich mal vorstellen."

Er selbst hat die Diebe nie gesehen, aber dennoch zweifelt er nicht einen Moment daran, dass es Immigranten waren. EU-Bürger aus den baltischen Staaten und Polen, die seit der Osterweiterung 2004 nach Wisbech gekommen sind, um Arbeit zu finden. Statt der Willkommenskultur, mit der das Ehepaar Sousa empfangen wurde, erleben die Osteuropäer Ablehnung und Ressentiments.

Das Land rund um Wisbech ist so etwas wie Englands Gemüsegarten. Hunderte von Quadratkilometern, auf denen Zwiebeln, Karotten, Lauch, Kohlköpfe und Kartoffeln angebaut werden. Kaum ein anderer Wirtschaftszweig hat größeren Bedarf an Billiglohnkräften, die als Erntehelfer, Fahrer, Mechaniker oder Köche in den Saisonbetrieb einsteigen. Auch Pablo und Lisa Sousa kamen Anfang der neunziger Jahre, wie einige Tausend andere Portugiesen, zur Feldarbeit nach Wisbech. Die Zahl der Zuwanderer aus Osteuropa liegt dagegen in den Zehntausenden.

Seit 2004 ist die Einwohnerzahl von Wisbech um ein Drittel auf gut 31.000 gestiegen. "Die Stadt ist schlicht und einfach überfordert", meint selbst Pablo Sousa. "Jeder dritte Bewohner ist ein Ausländer." Und dann erzählt Jim, dass er neulich drei Wochen auf einen Arzttermin habe warten müssen, "früher hätte ich den in drei Tagen bekommen!". Seit der Hausarzt für jede Konsultation einen Übersetzer brauche, "dauert es ewig, bis du drankommst." Noch gravierender als die Wartezeiten ist für Jim, dass die Dolmetscher für litauische und estnische Patienten im britischen Gesundheitssystem von seinen Steuergeldern bezahlt werden. Da ist es Jim "ehrlich gesagt scheißegal, was die EU alles erreicht haben soll". Seiner Meinung nach sorgt Brüssel "nur für Ungerechtigkeit".

Wer in Europa Arbeit sucht, sucht sie vor allem in Großbritannien. Nach Angaben der nationalen Statistikbehörde zogen zwischen 2004 und 2015 knapp zwei Millionen Kontinentaleuropäer auf die Insel. 1,9 Millionen von ihnen kamen aus den Beitrittsländern in Osteuropa. Warum Großbritannien? Weil sie auf dem liberalisierten Arbeitsmarkt schnell Jobs finden und das bei einem hohen Lohnniveau. "In Deutschland werden große Teile des Arbeitsmarktes reguliert, beispielsweise das Handwerk, um das Lohndumping zu verhindern", erklärt Rob McNeil, Ökonom am Migration Observatory, einem Forschungsinstitut der Universität Oxford. Zudem lag der britische Mindestlohn schon immer weit über dem europäischen Durchschnitt. Nach seiner Rechnung entsteht daraus eine Win-win-Situation. "Migranten finden Arbeit, und die Wirtschaft wächst." Zwischen 2005 und 2009 trugen die Europäer 0,46 Prozent zur britischen Wirtschaftsleistung bei, "unter den Ländern der OECD war das weit über dem Durchschnitt", so McNeil.

Angesichts der apokalyptischen Eckdaten, die sich aus dem Bankencrash und der Finanzkrise ergaben, wurde dieser Beitrag allerdings schnell zu einem unwesentlichen Detail. Den Zahlen nach war Großbritannien bankrott. Die Regierung legte ein Sparprogramm ohnegleichen auf. Der öffentliche Dienst musste Kürzungen von 23 Prozent hinnehmen, und in den nächsten fünf Jahren müssen die Etats weiter schrumpfen, bis die Staatsfinanzen endlich saniert sind. Auch Premierminister David Cameron macht keinen Hehl daraus, dass seine Haushaltspolitik "die Gesellschaft vor unvergleichliche Herausforderungen stellt". Der Rechtsruck der Wähler erschien ihm dabei nicht als Bedrohung.

Durch den Rückzug des Staates haben sich jedoch Misstrauen und Unsicherheit breitgemacht. Nicht nur die Populisten der Ukip-Partei haben Migranten aus der EU zum Sündenbock erklärt. Auch weite Teile der etablierten Parteien, inklusive Labour, glauben, dass Arbeiter aus Lettland, Polen und Rumänien eine untragbare Belastung für den britischen Sozialstaat seien. "Dass eine britische Familie auf der Straße landet, weil die Familie aus Riga die letzte freie Sozialwohnung bekommen hat, ist für mich unerträglich", schimpfte die Labour-Abgeordnete Kate Hoey kürzlich auf einer Brexit-Veranstaltung – dabei erhalten weniger als zwei Prozent der drei Millionen EU-Bürger in Großbritannien Sozialhilfe.

Im Maypole Pub in Wisbech ist Jim nach dem dritten Pint Bier richtig in Rage gekommen. "Die EU ist die brutalste Großmacht der Geschichte", zitiert er Kate Hoey und den Ukip-Abgeordneten Douglas Carswell. "Wenn wir jetzt nicht austreten, schleust Brüssel bald auch noch Millionen von Türken hierher, bis unsere Gesellschaft endgültig gegen die Wand gefahren ist."