Bisher gab es 44 amerikanische Präsidenten. Alles Männer. 337 Jahre lang folgte ein Mann auf den anderen. Manche wurden wie Heilige verehrt. Ihre in Stein gehauenen Gesichter blicken wie Götter von den Bergen South Dakotas auf das Land herab. Sollte Hillary Clinton am 8. November die Wahl gewinnen, wird sie die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika sein. Zum ersten Mal, seit die Erde sich dreht, wäre der mächtigste Mensch der Welt eine Frau.

Obwohl das für meine Großmutter und meine Mutter noch so unmöglich erschien wie Armstrongs Mondspaziergang, werden meine Töchter und ich vielleicht erleben, dass eine Frau es an die Spitze der führenden Weltmacht geschafft hat. Es wäre ein Neubeginn in der Geschichte, die allen Katharinas, Elisabeths, Pompadours, Kirchners, Peróns und Thatchers zum Trotz bis heute eine reine Männergeschichte gewesen ist – ganz und gar: his story.

Das Meilensteinartige dieses Ereignisses mag in einem Land, dessen Regierungschefin schon sechs Mal von amerikanischen Magazinen zur mächtigsten Frau der Welt ernannt wurde, nicht so ins Auge springen. In der Regel gibt es aufregendere Themen als die anhaltende Männerherrschaft, die in einigen deutschen Stadtvierteln in Premiumlage tatsächlich als so gut wie überwunden betrachtet wird und nur noch vom Hörensagen aus Ländern wie Dschibuti oder Somalia bekannt ist. Oder China oder Indien oder Saudi-Arabien oder dem Iran. Viele junge Frauen, die noch zur Reitstunde gefahren wurden, als Angela Merkel an die Macht kam, halten die Klage über die Unterdrückung der Frau inzwischen für eine historische Debatte, auf die die aktuelle nordeuropäische Geschlechteridylle folgte, in der man sich subtileren Leiden zuwenden kann.

Dabei genügt es, den Blick einmal kurz vom iPhone zu heben und sich umzusehen. Noch immer existieren in Deutschland zwei bis drei Frauengenerationen, deren Leben in der Adenauer- und der Erhard-Republik begann, als es noch unmöglich war, ohne die Erlaubnis des Ehemannes zu arbeiten. Als der Mann den Lohn der Ehefrau einbehalten, ihren Job kündigen und ihr Bankkonto schließen lassen konnte. Als eine Frau ohne die Erlaubnis ihres Vaters oder Ehemannes keinen Führerschein machen durfte und eine Ledige, die schwanger wurde, ihren Arbeitsplatz verlor. Die komplette Babyboomer-Generation, die im Augenblick in Deutschland vorne auf dem Fahrersitz Platz genommen hat, ist von diesen Frauen erzogen worden.

Hillary Clinton übertreibt nur wenig, wenn sie sagt, jetzt werde "ein neues Kapitel der Geschichte geschrieben", bedenkt man, wie viele Frauen, die heute noch leben, über ihre Biografie nicht frei entscheiden durften. Und das auch gar nicht verlangten. Selbst nachdem das letzte dieser bundesdeutschen Frauenversklavungsgesetze 1977 unter Helmut Schmidt gekippt wurde und Mama tatsächlich ohne Papas Erlaubnis arbeiten durfte, blieben viele Frauen der Kriegsgeneration zutiefst davon überzeugt, dass eine Frau ohne Mann wie ein Fisch ohne Kiemen sei, und suchten die Gründe für ihre haustierartige Lebensweise nach Art des Stockholm-Syndroms zuallererst bei sich selbst.

Wie tief den Söhnen und Töchtern die Gefühlswelt der Adenauer-Generationen noch immer in der Seele sitzt, da, wo der Alltagsverstand nicht unbedingt hinabreicht, ist kaum zu ermessen. Ich erinnere mich noch gut an jenen verregneten Tag in den frühen siebziger Jahren, als ich mit einer Schulfreundin in einen gelben Westberliner Doppeldeckerbus steigen wollte, der – etwas Derartiges hatten wir noch nie gesehen – von einer Frau gesteuert wurde. Meine Freundin war tief erschrocken und weigerte sich, in den Bus einzusteigen. Ich hatte schon hier und da ein wenig von der sagenhaften Frauenemanzipation reden hören und fuhr alleine.