Nach dem Terroranschlag im Schwulenclub Pulse in Orlando, bei dem am vergangenen Sonntag 49 unschuldige Menschen umgebracht wurden, fragen sich viele erneut, warum der Islam so schwulenfeindlich ist. Die Behauptung "Der Islam ist eine homofreundliche Religion" wäre als Antwort eine glatte Lüge. Denn welche Religion ist schon homofreundlich?

Bleiben wir dennoch beim Islam. Geifernde Internet-Imame streiten sich, ob man Schwule und Lesben verbrennen, steinigen oder von Hausdächern stoßen sollte. Sie argumentieren damit, dass Gott die Familie mit Vater, Mutter und vielen Kindern als Kern einer "gesunden Gesellschaft" erschaffen habe. Pubertierende benutzen "schwul" als Schimpfwort und eine Sprache voller Gewalt, um ihre Verachtung gegenüber Homosexuellen auszudrücken. Hassprediger, Islamisten und Halbstarke sprechen nicht für alle gläubigen Muslime, sie stellen dennoch eine Gefahr dar.

Es gibt sie: die politisch aktiven, bekennenden, liebenden Homo-Muslime. Ich kenne viele muslimische Familien, und in jeder ist jemand schwul oder lesbisch – ausnahmslos. Häufig bleiben diese Muslime allein mit ihrem Kummer und ihren Fragen. Ihr Leben funktioniert nach dem Prinzip: Don’t ask, don’t tell. Im schlimmsten Fall drohen Demütigungen, Depressionen, kaputte Persönlichkeiten und eben Gewalt. In vielen muslimisch geprägten Ländern (aber auch in Russland) sprechen sich Mehrheiten gegen die Akzeptanz von Homosexualität aus, obwohl in Städten wie Casablanca, Beirut, Istanbul, Dubai oder Jakarta queere Szenen existieren und toleriert werden. Viele Regime, auch die säkularen, lassen Homosexuelle verfolgen. Deswegen kommt der beste Fall, ein offenes Ausleben der Sexualität, unter Muslimen seltener vor.

Mehrere Zeugen berichten, dass der 29-jährige Täter Omar Mateen lange selbst im Pulse verkehrt und dass er Profile auf schwulen Dating-Plattformen besessen haben soll. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass er selber schwul oder bisexuell war. Mateens Vater, der als Taliban-Anhänger gilt, beschrieb nach dem Attentat im US-Fernsehen, wie sein Sohn zwei sich küssende Männer in Miami beobachtet habe. Er sei in Rage geraten. Andere Quellen berichten, er habe seine Ex-Frau geschlagen, Waffen und Machotum verherrlicht. Vor seiner Tat wählte Omar Mateen die Notrufnummer 911, um sich "zum IS, zur Nusra-Front und zur Hisbollah" zu bekennen – zu drei verfeindeten Gruppen, die sich gegenseitig bekriegen. Ideologische Klarheit sieht anders aus. Eine gefestigte Persönlichkeit auch.

Der Mörder war also: schwulenfeindlich und vielleicht selbst schwul, er war fundamentalistisch, verstand aber nichts davon, er war ein Waffennarr und hat gemordet. Warum sollte uns da ausgerechnet eine Islamdebatte weiterbringen? Das dringlichere Thema heißt eher: Homophobie. Der Hass gegen gleichgeschlechtliche Liebe tötet. Auf spektakuläre Weise wie in Orlando und leise hinter Fassaden.

Homophobie zieht sich durch die Menschheitsgeschichte. Unter den IS-Terroristen, unter kommunistischen Diktatoren und unter den Nazis ging es darum, gleichgeschlechtliche Liebe auszulöschen. Der Umgang mit Homosexualität ist kein Barometer für die Toleranz einer Religion, sondern für die Toleranz einer Mehrheit. Homophobie ist ein Indikator dafür, wie gefährlich bestimmte politische Akteure sind.

Sicher, chauvinistische Islamisten sind eine tödliche Gefahr für die LGBTQ-Community. Aber andere homophobe Hassprediger sind es nicht minder. Wenige Stunden nach dem Terror im Pulse meldete sich Steven Anderson auf YouTube. Der evangelikale Pastor aus Arizona sagte: "Die gute Nachricht ist, dass mindestens 50 Pädophile Kindern nichts mehr antun können. Die schlechte Nachricht ist, dass viele Homos aus der Bar noch am Leben sind." Anderson sprach genauso wenig für alle Christen wie der IS für alle Muslime. Die menschenverachtende Logik ist dieselbe und wird mit einer Islamdebatte nicht verschwinden.

Wer Homophobie bekämpfen will, muss Schwule und Lesben mit klaren politischen Ansagen und Gesetzen unterstützen, vor allem aber mit Aufklärung – und mit Allianzen zwischen diskriminierten Gruppen in den USA und in Europa. Es kann sein, dass einige Familien ihre schwulen und lesbischen Verwandten verstoßen, die meisten Familien werden es sich aber umso genauer überlegen, je mehr Liebe und Respekt herrschen.