Angeblich geschah es in einem Tanzlokal, um 1950, irgendwo in der tiefen amerikanischen Provinz. Der Gast aus Ägypten war abgestoßen vom Treiben der küssenden Paare, und überhaupt war er entsetzt vom zügellosen Westen. "Tanzende nackte Beine wirbelten durch den Raum, Brust drückte sich an Brust, Lippen fanden andere Lippen."

Der angewiderte Gast kam aus Kairo und hieß Sajjid Kutb. Er war Beamter im Bildungsministerium und hatte sich nebenbei als Literaturkritiker und Schriftsteller einen Namen gemacht. Seine Religion war ihm wichtig, aber so wichtig nun auch wieder nicht, die autoritäre Koranschule jedenfalls war ihm verhasst. Das liberale Amerika mit seinen Freizügigkeiten, dem "Götzendienst am Geld" und dem offenen Rassismus war für ihn jedoch ein Schock. "Die Seele hat für Amerikaner keinen Wert." Auf einen Schlag war Kutb bekehrt. Zurück in Ägypten, stürzte er sich in die Lektüre des Korans und rechnete in glänzend geschriebenen Büchern mit dem gottlosen Liberalismus des Westens ab. Dann nahm der scheue Mann Kontakt zu den militanten Muslimbrüdern auf und wurde ihr Chefideologe. Nach einem Schauprozess ließ Nasser ihn 1966 hinrichten.

In der viel diskutierten Radikalisierung von Sajjid Kutb steckt ein Muster, das Forscher bis heute ratlos macht. Warum wenden sich Muslime, für die Religion lange Zeit keine Rolle spielte, plötzlich dem militanten Islam zu? Auch der 29-jährige Omar Mateen, der am vergangenen Samstag in Orlando/Florida in einem Gay-Club 49 Menschen erschoss, war lange Zeit religiös "unauffällig". Geboren wurde Mateen in New York, seine Familie stammt aus Afghanistan. Die Nachbarn beschreiben ihn als schwierigen Menschen, seine Ex-Frau nennt ihn "seelisch instabil". Sein Vater berichtet, dass sein Sohn Homosexuelle nicht habe ausstehen können.

Auch bei europäischen Dschihadisten findet sich das beunruhigende Phänomen einer plötzlichen Radikalisierung. Sie sind jünger als die Terroristen der ersten Generation, sie haben Drogenerfahrungen, stehlen Autos oder sitzen früh im Gefängnis. Und fast alle "Kämpfer" können zunächst mit der Religion ihrer Väter wenig anfangen. Doch dann, beinahe über Nacht, als sei es eine Erweckung, berufen sie sich auf den Islam und schlagen zu. Sie müssen vom IS nicht mühsam angeworben und durch Gehirnwäsche umgedreht werden; sie schließen sich aus freien Stücken dem Terrornetzwerk an und lernen in einer kurzen "Ausbildung", mit berechnender Unberechenbarkeit möglichst viele Menschen abzuschlachten. "Im Namen Gottes."

Man weiß nicht, welche Motive Omar Mateen im Letzten bewegt haben, seine Tat trägt Züge eines Amoklaufs. Auch wenn Politik- und Sozialwissenschaftler hervorragende Forschungen und Fallstudien über den Terrorismus bereithalten, so tun sie sich doch enorm schwer damit, den "hausgemachten" Terrorismus zu erklären, die plötzliche Konversion von Einzelnen. Was ist das auslösende Moment, das einen normalen Bürger in eine terroristische Ich-AG verwandelt? Woher kommt der Hass der Selbstbekehrer und Selbstrekrutierer? Die derzeit mehrheitsfähige Erklärung lautet, der Islam selbst sei die Ursache des Terrors. Er sei nun einmal eine archaische Opferreligion, die alle Grundüberzeugungen des jüdisch-christlichen Glaubens vermissen lasse.

Das ist falsch. Der Islam ist keine archaische Religion, er teilt mit den abrahamitischen Religionen den Glauben an die Heiligkeit des Lebens und die Absage an die Kultur des Menschenopfers (ZEIT Nr. 42/10). Damit sich der Islam in eine Kampfreligion verwandelt, muss er extrem selektiv gelesen und mit demagogischer Niedertracht umgerüstet werden. Das Verfahren, das fundamentalistische Prediger anwenden, geht so: Sie versteifen sich auf die theologisch mehrdeutige Rede vom Opfer und missbrauchen sie zu politischen Zwecken. Sie hämmern den jungen Menschen ein, sie seien die auserwählten Opfer westlicher "Kreuzzügler". Und weil das Opfer immer unschuldig ist, ist auch seine Gewalt unschuldig; wer sich wehrt, der vollbringt das Werk Gottes, und je grausamer, desto frommer. So liefert die radikalisierte Religion das gute Gewissen gleich mit – als bedürfe es noch einer Rechtfertigung, um eine letzte moralische Regung ("Du sollst nicht töten") zum Schweigen zu bringen.

Forscher sprechen von einem religiösen Deutungsrahmen, von einem framing, durch das die Erfahrung von sozialer Ausgrenzung und Demütigung ernst genommen, die Verletzung anerkannt – und dann militarisiert wird, zum Beispiel durch die Aufforderung, das Opfer müsse die westlichen "Kreuzzügler" bekämpfen. Dabei müssen die Hassprediger nicht einmal leere Versprechungen abgeben, denn mit dem Kalifat existiert die wahre Gemeinschaft bereits. So haben islamistische Killer gleich ein doppeltes Motiv: Sie bekämpfen nicht nur den Westen mit seinen Ungläubigen; als selbst erwählte Partisanen im westlichen Feindesland kämpfen sie zugleich für das real existierende islamische Reich. Angeblich hat Omar Mateen, der Attentäter von Orlando, dem klerikalfaschistischen Anführer des IS, Abu Bakr al-Bagdadi, in wirren Worten ewige Treue geschworen. Der IS nennt Mateen einen "Soldaten des Kalifats".

Der Verweis auf das religiöse Moment im Terror ist unverzichtbar und führt doch zu einer trügerischen Selbstberuhigung. Wer ausschließlich den Islam für die globalen Gewaltexzesse verantwortlich macht, der versteht nicht, warum der Terror eine durch und durch moderne Erscheinung ist, ein schwer zu begreifendes Phänomen der globalisierten Weltgesellschaft. Kein anderer als der verstorbene Soziologe Ulrich Beck hat in einer Rede auf den Kollegen Zygmunt Bauman seine professionelle Ratlosigkeit eingestanden und der Gegenwart eine ungewöhnlich düstere Prognose gestellt. Becks Rede liest sich wie ein Vermächtnis, er war schockiert von der apokalyptischen Gewalt des IS-Terrors und nannte ihn die "Verschmelzung von Antimoderne und militärisch-kapitalistisch gerüsteter Hochmoderne".

Von Becks sonstiger Zuversicht war nichts mehr zu spüren. Wie Zygmunt Bauman auch, sieht er plötzlich Normalzustand und Ausnahmezustand, Sinn und Wahnsinn der Moderne bruchlos ineinander übergehen – in eine Zwischenzeit, in der die alte Ordnung zerfällt, ohne dass eine neue in Sicht sei. Die Staaten würden immer abhängiger voneinander, während die Weltwirtschaft die "Regeln und Schutzgebote der Nationalstaaten abstreift", was die Angst vor dem Kontrollverlust der Politik noch einmal steigere.

Die Globalisierung, hieße das, erschüttert die staatliche Einheit aus Macht und Politik oder löse sie gar auf. Dabei verschwindet die Macht aber nicht, sie verändert lediglich ihren Aggregatzustand und werde flüssig. Die nun liquide Macht "verströmt in den Cyberspace, in Märkte und mobiles Kapital". Sie wird auf die Einzelnen abgewälzt, die dann die "entstehenden Risiken allein bewältigen müssen". Der Terror, so muss man Beck verstehen, entsteht im Vakuum der zerbrechenden Ordnung, er ist die barbarische Kehrseite von Verflüssigung und Auflösung, wobei die militärische Antwort des Westens den Hass "noch weiter schürt, den sie bekämpft". Die Moderne liegt im Krieg mit sich selbst.