DIE ZEIT: Professor Hafrey, spielt es für die moralische Bewertung der Morde von Orlando eigentlich eine Rolle, dass der Mörder einen schwul-lesbischen Club attackiert hat?

Leigh Hafrey: Wir wissen noch nicht genug über die Ziele, die Omar Mateen verfolgte, als er das Feuer eröffnete. Offenbar griff er bewusst einen Treffpunkt für Homosexuelle, Bisexuelle und Transgender an – aber an jenem Abend kamen auch viele Gäste zur "Latin Night". Es könnte also sein, dass die ethnische Identität der Opfer für den Täter bedeutsam war.

ZEIT: Einige amerikanische Kommentatoren fordern, von den Opfern nicht als Schwule und Lesben zu sprechen, sondern einfach von Amerikanern. Man könnte dagegenhalten, dass die patriotische Redeweise den Grund verschleiert, warum diese Menschen sterben mussten.

Hafrey: Noch mal: Bevor wir nicht mehr über Mateens Motive wissen, können wir auch nicht sagen, wen er verletzen wollte. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass die sexuelle Orientierung der Opfer ein entscheidender Auslöser der Tat war.

ZEIT: Nach Attacken von selbst ernannten Dschihadisten im Westen kam immer wieder die Forderung auf, religiöse Motive nicht überzubewerten. Jetzt, nach Orlando, standen in Amerika gleich die Waffengesetze in der Kritik. Aber ist es vernünftig, die Rechtfertigungen einer Tat zu ignorieren?

Hafrey: Angesichts unserer jüngsten amerikanischen Vergangenheit scheint es nur fair, die Attacke von Orlando sowohl als einen Akt islamischen Terrors als auch einen Akt von Waffengewalt zu bezeichnen. In beiden Fällen müssen wir den sozialen Zusammenhang sehen.

ZEIT: Der Mörder von Orlando soll vom FBI wegen mutmaßlicher Kontakte zu radikalen Islamisten vorgeladen worden sein. Und er soll mit dem "Islamischen Staat" sympathisiert haben. Viele Muslime fürchten jetzt, dass ihre Religion abermals unter Generalverdacht gerät. Kann uns die Kenntnis religiöser Tatmotive im Nachhinein überhaupt nützen?

Hafrey: Wenn wir Mittel suchen, um ähnliche Angriffe wie im Pulse-Club zu verhindern, dann hilft uns die Erkundung ideologischer Tendenzen: Wir können den Täter in einem Netzwerk verorten und gezielt reagieren. Wir sehen das Ineinandergreifen weltanschaulicher und persönlicher Motive, welchem Muster sie folgen und welchem nicht.

ZEIT: Was können wir tun, um die Verbreitung antiwestlicher Werte durch fundamentalistische Prediger zu verhindern?

Hafrey: Ich wiederhole mich: Wir wissen noch nicht genug über Mateens Motive. Mehrere Quellen sagen, trotz seiner telefonischen Sympathie-Bekundung für den IS war er kein wirklich religiöser Mensch. Mehrere Vertreter der amerikanischen Öffentlichkeit haben jetzt muslimische Kleriker, die radikale Formen ihres Glaubens predigen, aufgefordert, die Folgen zu bedenken. Dieselbe Sorge beschäftigt Amerika jetzt auch auf nationalstaatlicher Ebene – da geht es um die mutmaßliche saudische Unterstützung für den Wahhabismus.

ZEIT: Wie können wir antidemokratische Bestandteile einer Religion kritisieren, ohne diese Religion an sich zu diskriminieren?

Hafrey: Ich möchte zunächst an das "Paradox der Demokratie" erinnern. Es besagt erstens, dass ein Volk sich demokratischer Mittel bedienen kann, um ein undemokratisches oder gar antidemokratisches Regieren zu ermöglichen. Zweitens, dass sowohl säkulare als auch religiöse Bekenntnisse zur Ablehnung, ja zum Fall der Demokratie führen können. Um dies zu verhindern, ist immer dieselbe Methode nötig: den demokratischen Prozess zu schützen durch eine staatsbürgerliche Debatte. Nur so sichern wir die Toleranz und die Offenheit, die eine gesunde Demokratie auszeichnen. Das gilt auch nach Orlando.

ZEIT: Welches Risiko würden Sie eher eingehen: die Probleme einer Religion lieber nicht scharf anprangern, um niemanden zu beleidigen? Oder die Probleme benennen, auch auf die Gefahr hin, dass einige Gläubige sich brüskiert fühlen?

Hafrey: Kritische Debatte tut immer dort not, wo ein gesellschaftliches Problem auftaucht. Alle Beteiligten müssen daran teilnehmen, aber im Geiste eines Dialoges und nicht einer Auseinandersetzung. Das Verständnis füreinander steht an erster Stelle. Es ist die Voraussetzung für eine Lösung.