Wie immer, wenn ich aus Frankfurt am Main komme, freue ich mich auf meine Stadt L. In Frankfurt liegen Drogensüchtige in Unterführungen, deren Gestank einem den Atem raubt. Offen werden Drogen verkauft und konsumiert, um den Bahnhof blüht der schäbige Fleischmarkt des Rotlichts, abenteuerliche Gestalten tummeln sich. "Dafür sind wir 89 nicht auf die Straße gegangen", sage ich zu meinen westdeutschen Begleitern. 1989 war ich zwölf Jahre alt.

Diesmal ist alles anders bei meiner Rückkehr nach L, als hätte ich wie Zwerg Nase sieben Jahre im ICE verschlafen. Die Gesindeldichte ist sichtbar gestiegen um den Bahnhof herum. Direkt vor der Tür liegen zwei sturzbetrunkene Punker auf dem Gehsteig in der prallen Sonne, in einer Burg aus Schlafsäcken und Bierflaschen. Die Straßenbahnhaltestelle ist von Müll übersäht, überquellende Abfallbehälter, Erbrochenes, Schmuddelflecke auf Boden und Bänken.

Migranten rufen sich laut etwas zu, einer trinkt Bier, man wird gemustert ... Darf man so etwas überhaupt schreiben? ... Hinterm Bahnhof Jugendliche, Bier trinkend, halb feindselig. Am Bahnhof L. mischen sich Asis aller Nationen.

In der Straßenbahn sind nur noch zwei Plätze frei. Auf denen liegen die Füße zweier dunkelhäutiger Jugendlicher. Die Linie 1 fährt zu einem Wohnheim in Grünau, dort habe ich Ende der Neunziger als Wachmann Dienst geschoben und dafür gesorgt, dass die Nazis draußen blieben. Höflich bitte ich um Freigabe der Bank. Widerwillig werden die Füße heruntergenommen. Höflich erkläre ich, dass das so nicht geht. Ich will mich ja nicht in den Schmutz setzen. Aggression liegt in der Luft. Ich zeige meine tätowierten Handgelenke, da werden sie ruhiger.

Und wir kommen ins Gespräch. Dafür sind wir 89 auf die Straße gegangen!