Wer war eigentlich als Erster da? Vielleicht war es Günther Jauch. Den TV-Moderator zog es schon Mitte der Neunziger nach Potsdam. Im Villenviertel Berliner Vorstadt richtete er sich zunächst ein Palais her, beste Lage, mit großem Garten und Zugang zum Heiligen See. Es war seine erste, aber bei Weitem nicht die letzte Immobilie, die Jauch in der 160.000-Einwohner-Stadt erwerben sollte. Er gilt dort heute als der Großgrundbesitzer unter den Promis. Diese Neu-Potsdamer leben hier längst Zaun an Zaun. Es ist, als hätte jemand das Signal gegeben: Kommt her, die anderen sind schon da!

So haben sich ganze Cliquen aus der Medienwelt in Brandenburgs Hauptstadt niedergelassen. Springer-Chef Mathias Döpfner wohnt seit Jahren hier, unweit von Verlagserbin Friede Springer und Bild-Herausgeber Kai Diekmann. Auf den Sommerfesten, für die gerade Einladungen verschickt worden sind, kann man noch viele andere bekannte Potsdamer antreffen: Moderator Johannes B. Kerner zum Beispiel, Filmregisseur Volker Schlöndorff, Stardirigent Christian Thielemann, Designer Wolfgang Joop, Software-Millionär Hasso Plattner oder Schauspieler Christian Ulmen. Vertreter des neuen, wachsenden Potsdamer Bürgertums.

Sosehr dieses eine neue Zeit markiert – neu ist das Promi-Phänomen in Potsdam doch nicht. Schon vor Jahrhunderten wurde die Stadt erstmals zu einem Magneten für Menschen mit Macht, Reichtum und Glamour. Preußens Herrscher und hohe Militärs ließen hier ihre Residenzen bauen. Nach dem Ende der Monarchie kamen die Kinostars – Filmdiven wie Brigitte Horney und Lilian Harvey adelten die teuren Promenaden am Potsdamer Seeufer; um die Ecke lag Babelsberg, damals ein deutsches Hollywood. Und nach dem Mauerfall, als sich in Berlin die neue Hauptstadtgesellschaft formierte, wurde Potsdam zum prächtigen Vorgarten, in dem sich die Society in Salons und bei Gartenpartys trifft.

"Potsdam bekommt dadurch natürlich viel Aufmerksamkeit", sagt Rathaussprecher Stefan Schulz. Nicht nur, aber auch deshalb hat seine Stadt ein Luxusproblem: Potsdam ist fast schon zu begehrt. Wegen der Nähe zu Berlin, der Schönheit, der Natur, der prallen Geschichte. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind 12.000 Menschen hergezogen. Der Immobilienmarkt ist geradezu leer gefegt. Die Stadt hat sich, gesellschaftlich betrachtet, in oben und unten aufgeteilt: Es gibt den Süden mit Vierteln wie Schlaatz und Drewitz, in denen viele sozial Schwache leben. Und etwa die Berliner Vorstadt im Norden, in der sich die Villen aneinanderreihen.

Gleich nach dem Mauerfall, sagt der Immobilienmakler Peyton Robert Neubauer, habe es dort den ersten Rausch auf dem Immobilienmarkt gegeben. Die Villen am Seeufer waren besonders begehrt, vor allem bei Käufern aus dem Westen. "Die meisten Altbesitzer aus dem Osten haben damals verkauft", sagt der Makler. Um das Jahr 2000 gab es den nächsten Boom, immer mehr Prominente kamen her. "Diese Menschen können ja überall auf der Welt leben, aber sie haben sich eben Potsdam ausgesucht, und ihre Namen haben eine gewisse Signalwirkung", sagt Neubauer. Heute wünschen sich nicht wenige seiner Kunden, in diese Kreise zu gelangen. Als Nachbarn.

Das kostet allerdings – Beträge, die Neubauer vor einigen Jahren noch als völlig überzogen verlacht hätte. Acht Millionen für eine Villa in der Berliner Vorstadt? Inzwischen sei das ein gängiger Kaufpreis. An freie Häuser kommt der Makler oft nur noch durch Todesfälle oder Scheidungen. "Wenn wir eine dieser Villen anbieten, haben wir auf einen Schlag 20 Anfragen von Kunden, die über das entsprechende Barvermögen verfügen und sofort zum Notar gehen würden", sagt Neubauer. Ein Ende des Potsdam-Hypes ist demnach nicht abzusehen.

Den "Sylt-Effekt" nennt das Wolfgang Joop. "Es gibt plötzlich diesen neuen Typus, den man hier früher nicht sah. Diesen diskreten Luxus. Die blonden Frauen mit den leicht nervösen Gesichtern, die mit einem großen Auto und einer Horde Kinder zum Biomarkt fahren und dort sehr bewusst einkaufen." Der Modemacher kehrte 2003 in sein Elternhaus Gut Bornstedt zurück. "Die Potsdamer Pracht, die Wege, die ich früher als Kind gegangen bin, vorbei an Schlössern und Parks, das hat mich tief beeinflusst in meinem Geschmack und meinem Stil." In Bornstedt wohnt inzwischen seine Tochter Florentine mit ihrer Familie. Joop ist in einer Villa in der Berliner Vorstadt zu Hause. Am "Ufer der Schande", sagt er, "denn alle Frauen in meiner Straße sind von ihren Männern verlassen worden."

Zu Hause fühlt er sich dort allerdings nicht wirklich, die Nachbarn sind ihm fremd geblieben: "Es herrscht Stille. Man sieht wenig Leben hinter den vielen Thuja-Hecken und was hier sonst noch alles angepflanzt wird. Es gibt zwar Tausende Events, aber ich gehe ungern zu diesen selbstzufriedenen Festen." Lieber fährt Joop mit dem Rad durch die Stadt, oft zu seinem Stamm-Fitnessstudio im Bahnhofsviertel. Dort trifft er alte Bekannte, die er manchmal fragt: "Mensch, wisst ihr eigentlich noch, wie es früher in Potsdam mal war?" Ja, wie war es eigentlich? Im Grunde nicht viel anders als heute, muss Wolfgang Joop feststellen, wenn er an die Sätze seiner Großmutter denkt. "Sie hat in den Fünfzigern zu mir gesagt: ›Weißt du, Wolfgang, der Mob ist hier jetzt nach oben gekommen.‹" Das war zwar nicht sehr höflich ausgedrückt, doch egal, wie man es nun nennen mag, eine Sache sei typisch für Potsdam, damals und heute, sagt Joop: "Potsdam war immer schon ein Platz der Eliten. Aber es gibt hier einfach keine lebendige Durchmischung des Bürgertums."