Wochenlang hat Kai Diekmann versucht, den Hoteldirektor zu erreichen, aber er hatte einfach keinen Erfolg. Beim ersten Anruf hieß es, dass Marco Wesolowski, der Manager des Potsdamer Mercure, gerade leider nicht zu sprechen sei. Beim zweiten Anruf dasselbe. Beim dritten Mal wieder.

Hoteldirektor Wesolowski seinerseits überlegte, was der Herausgeber der Bild-Zeitung bloß von ihm wolle. Was würde denn jetzt wieder kommen?

Dabei wollte Diekmann einfach nur ein Zimmer reservieren.

Die Sache ist: Vielleicht ist das Potsdamer Mercure eines der wenigen Hotels, deren Manager sich vor Prominenten ein bisschen gruseln. Nicht weil diese sich als Gäste schlecht benommen hätten. Sondern, schlimmer: weil Prominente leidenschaftlich dafür gekämpft haben, dass das Mercure abgerissen wird.

"Sozialistische Notdurftarchitektur" hat der in Potsdam lebende TV-Moderator Günther Jauch das Mercure einmal genannt. Und der Schauspieler Jörg Hartmann sagte: "Kein Mensch mit einem Schönheitsempfinden kann solche Bauten dauerhaft wollen." Auch Kai Diekmann wollte, dass es verschwindet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 26 vom 16.6.2016.

Tatsächlich soll das Mercure abgerissen werden: Die Stadtverordnetenversammlung hat im März beschlossen, das Gebäude zu kaufen, um es später wegreißen zu können. Denn es ist, wie selbst Hoteldirektor Wesolowski sagt, "von außen nicht gerade ein Schokoladenhohlkörper". Es sieht also nicht eben verführerisch aus – und direkt gegenüber steht eines der prächtigsten Häuser Potsdams: das wiederaufgebaute Stadtschloss. Deshalb, finden die Kommunalpolitiker, passe das Mercure dort nicht hin, zumal es mit seinen 60 Metern Höhe alle anderen Gebäude um Längen überragt. Es soll einem Park weichen, und dieser Park soll "Wiese des Volkes" heißen.

Doch diese Rechnung wurde ohne das Volk gemacht, denn das wehrt sich: gegen den Abriss, gegen die Stadt, gegen die Prominenten. Es gibt eine Bürgerinitiative, die ein Bürgerbegehren auf den Weg gebracht hat. Das richtet sich gegen den Abriss des Mercure und zweier weiterer DDR-Gebäude in der Innenstadt. Etwa jeder zehnte Potsdamer hat schon unterzeichnet, die Zahl der Unterstützer liegt aktuell bei 16.000. Das sind 2.000 mehr, als notwendig wären. Mit Unterstützung der Linken wurden Unterschriften vor allem in den Plattenbauvierteln der Stadt gesammelt. Die kleinen Leute unterschreiben für den Erhalt eines in die Jahre gekommenen Luxushotels. Das ist Potsdamer Ironie.

Längst ist die Zukunft des Mercure eines der wichtigsten Themen in dieser Stadt, die zuletzt eine enorme Anziehungskraft auf die Reichen und Prominenten ausgeübt hat; so sehr wie wohl keine andere in Deutschland: Viele, die Ruhm und Geld haben, wollen hier leben. Nah an Berlin und doch in entrückter Schönheit. Der Streit um das Mercure ist so auch ein Streit zwischen alten Potsdamern und neuen. Denen, die schon immer hier waren. Und denen, die hergezogen sind. Ein Kampf der kleinen Leute gegen die großen. Die Frage, die nun verhandelt wird: Wie kann eine Stadt aussehen, in der sich Promis und Plattenbaubewohner gleichermaßen wohlfühlen?

Kaum einer der prominenten Potsdamer ist dabei so engagiert wie Jörg Hartmann, 47, der Schauspieler. Man kennt ihn aus der Serie Weissensee und dem Dortmund-Tatort . Hartmann kennt viele Stadtverordnete persönlich. Auf die Frage, ob er sich im Mercure zu einem Interview treffen würde, hat er gleich Ja gesagt. Jetzt sitzt er da, in der Bar des Hauses, und versucht, einen Konflikt zu erklären, an dem er sich seit Jahren aufreibt. Hartmann sagt: "Vielleicht denken einige Leute wirklich: Was will der überhaupt? Der ist ja aus dem Westen und erst seit 13 Jahren da. Dem zeigen wir es mal." Hartmann hat dafür gekämpft, dass das Stadtschloss wieder aufgebaut wird. Und dass das Areal um das Schloss herum – der Alte Markt – nach historischem Vorbild umgebaut wird. Das will auch die Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung. Die hatte schon 1990 entschieden, die Innenstadt behutsam so wiederherzustellen, wie sie vor dem Zweiten Weltkrieg ungefähr aussah. So, wie sie im Wesentlichen Friedrich der Große angelegt hatte. Wo das Mercure steht, hat vor dem Krieg kein Gebäude gestanden. Schon einmal gab es Versuche, das Hotel abzureißen. Auch damals spielten Prominente eine große Rolle.