Wenn sie jetzt in London das Undenkbare denken. Wenn sie radikal sein wollen und mit allen Dogmen brechen, dann meint man natürlich gleich, es ginge um den Brexit. Es geht aber um ein neues Museum. Eines, das freisinnig sein will, wagnisreich und eigenwillig, genau wie die Europa-Gegner. Nur eben ganz anders.

An diesem Wochenende, kurz vor dem großen Votum, wird das grandiose Bauwerk eröffnet. Ein Haus, in dem es Kunst zu sehen gibt, viel Kunst. Das aber vor allem zeigen will, wie sich die Welt anders deuten lässt. Und was die Museen dazu beitragen können.

Das klingt schon deshalb reichlich verwegen, weil das neue Haus eigentlich ein Anbau ist. Es soll der großen Tate Modern dabei helfen, noch einmal über sich hinauszuwachsen. Die ist schon heute das mit Abstand populärste Moderne-Museum der Gegenwart, doppelt so oft besucht wie das MoMA in New York. Doch dabei kann es nicht bleiben. Die Sammlung ist angeschwollen, seit der Eröffnung vor 16 Jahren um rund die Hälfte. Und weil man einfach nicht mehr weiß, wohin mit all den Besuchern – rund fünf Millionen kommen im Jahr –, braucht es dringend mehr von allem, mehr Säle, mehr Garderobe, mehr Café & Klo. Doch damit nicht genug, der Neubau soll auch ein Neuanfang sein. Er soll das Museum, wie wir es kannten, diese alte, ehrwürdige Institution, verändern, verjüngen, verwandeln.

Der Tate ist das schon einmal auf wundersame Weise geglückt. Gerade mal 16 Jahre ist es her, als am südlichen, dem dreckigen Ufer der Themse ein altes Kraftwerk umgerüstet wurde. Viel zu groß, dachten manche. Viel zu klotzig, zu abgelegen. Und wen, bitte schön, sollte das interessieren: moderne, krause Kunst? Doch die Skepsis wich umstandslos dem Jubel, als die Tate erst eröffnet war. Gerade die Jüngeren, die sonst alle Museen meiden, waren begeistert. Nicht unbedingt von der Sammlung, die eher durchwachsen ist. Dafür aber von dem, was sonst kein anderes Museum bieten kann: von der Leere.

Die Tate Modern feiert sich und feiert ihre Besucher mit einem Raum, der an Erhabenheit von keinem Kunstwerk überboten wird. Einst rotierten hier die Turbinen, heute dreht das Publikum seine Runden, und wenn es etwas betrachtet, dann vor allem sich selbst. Einmal im Jahr gibt es auch Künstlerisches zu sehen, einen Sonnenuntergang von Ólafur Elíasson zum Beispiel. Doch die meiste Zeit ist der Raum nur Raum: offen für alle, die da kommen mögen. Eine überaus machtvolle, eine das Museum verändernde Geste.

Als die Tate vor ein paar Jahren wissen wollte, warum denn wohl so viele Menschen kommen, gaben viele freimütig zu, dass es nicht unbedingt die Kunst sei, die sie lockt. Fast die Hälfte meinte, es zähle weniger die ästhetische als die soziale Erfahrung, das Beieinandersein, der Austausch mit anderen, das Gefühl, einer großen, begeisterten Menge anzugehören. In einer hoch individualisierten Gesellschaft ist das Museum offenbar gefragter denn je: als Ort der vergnüglichen Übereinkunft.

Eine recht überraschende Erkenntnis, denn anders als in Kino, Theater oder Oper, wo sich das Publikum einen Raum teilt, um gemeinsam, aus tausend Augen eine Aufführung zu erleben, vereinzelt die Kunst ihre Betrachter. Vor einem Gemälde, einer Skulptur können sich nur wenige versammeln. Und so ist es denn im Stammhaus der Tate auch kein einzelnes Werk, es ist die Architektur, die kollektive Euphorie auslöst. Ein Kraftwerk als Werk des Gemeinsinns, ebenso behutsam wie entschieden in Szene gesetzt von den Architekten des berühmten Schweizer Büros Herzog & de Meuron.

Sie sind es nun auch, die den rückwärtigen Anbau entworfen haben und dort für eine ganz ähnliche Aufgabe eine ganz andere Lösung finden mussten. Vonseiten der Tate hieß es: Baut das Museum des 21. Jahrhunderts! Und baut es so, wie unsere Besucher es wollen: nicht als Ort des Rückzugs, der Kontemplation, sondern als Raum des Miteinanders, des Austauschs, der gemeinsamen Bewegung. Anders aber als im alten Kraftwerk, wo sie mit klugen Ergänzungen die Ruine aktivieren konnten, waren Herzog & de Meuron nun gezwungen, etwas Eigenes in die Stadtlandschaft zu stellen. Eine vertrackte Aufgabe, ganz so, als sollte man dem Kölner Dom eine spektakuläre Zweitkirche anschließen. Dabei kann nur Murks entstehen.

Genau so war es denn anfangs auch, die Architekten entwarfen lauter Glascontainer, übereinander gestapelt zu einer wirren Klötzchenpyramide, die vermutlich so gebaut worden wäre, hätte nicht die Finanzkrise einen Planungsstopp erwirkt und eine Denkpause ermöglicht. Neben all die Büro- und Wohntürme, die hinter der Tate Modern aufgeschossen waren, allesamt auf billig gebaute Weise überteuert, hätte das Museum als ein weiteres gläsernes Großding seltsam anbiedernd gewirkt. Das war schließlich auch Herzog & de Meuron klar geworden, und der Name ihres Bauwerks, das Switch House, wurde ihnen zum Programm: Sie gaben ihren Fehler zu, was nicht nur unter Architekten selten ist, legten den Schalter um und begannen von vorn.