DIE ZEIT: Frau von der Leyen, wer ist Rose Ladson?

Ursula von der Leyen: Das war ich in meiner Zeit in London – unter dem Nachnamen meiner Urgroßmutter aus South Carolina.

ZEIT: Wie kam es dazu, dass Sie zu Rose Ladson wurden und nach England gingen?

Von der Leyen: Ende der siebziger Jahre studierte ich ohne großen Erfolg in Göttingen Volkswirtschaft. Damals war die Bedrohung durch die RAF sehr akut, an der Göttinger Uni gab es eine breite Sympathisantenszene. Das Landeskriminalamt riet meinem Vater, dem niedersächsischen Ministerpräsidenten, mich zu einem Uni-Wechsel zu bewegen. Ich stand dann vor der Entscheidung: Entweder gehe ich nach Braunschweig mit Personenschutz rund um die Uhr – oder ich lege mir einen anderen Namen zu und gehe nach London an die London School of Economics. Braunschweig wurde es dann nicht.

ZEIT: Sie waren 20, noch nicht verheiratet, keine Kinder – war es eine Partyzeit, oder haben Sie wirklich studiert?

Von der Leyen: Ich habe deutlich mehr gelebt als studiert.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Von der Leyen: Keine Details, bitte. Nur so viel: Ich bin 1978 für ein Jahr eingetaucht in diese brodelnde, internationale, farbenreiche Stadt. Für mich, die aus dem eher eintönigen, weißen Deutschland kam, war das faszinierend.

ZEIT: Inwiefern war die Zeit in London prägend?

Von der Leyen: London war für mich damals der Inbegriff für Modernität: Aufbruch, Lebensfreude, alles in alle Richtungen hin ausprobieren – das hat mir eine innere Freiheit vermittelt, die ich mir bis heute bewahrt habe. Und noch etwas anderes habe ich bewahrt: die Erkenntnis, dass unterschiedliche Kulturen sehr wohl sehr gut miteinander leben können. Die Briten waren höflich, offen, tolerant, doch am Wochenende fuhren sie raus aufs Land, um unter sich very British zu sein – die Internationalen blieben in der Stadt. Seitdem weiß ich: Bei aller Weltoffenheit sind die Briten immer auch auf sich selbst bezogen.

ZEIT: Vom Persönlichen zum Politischen: Was geht der EU verloren, wenn es zum Brexit kommt?

Von der Leyen: Viel, am wichtigsten scheint mir der Verlust an Balance. Die Deutschen neigen in Europafragen zur Schwärmerei, die Franzosen zu großem Pathos, die Italiener beeindrucken mit Improvisationskunst – all dies erden die Briten mit ihrer Skepsis, ihrem Understatement und ihrem grandiosen Pragmatismus. Verlassen die Briten die EU, dominiert das Hochfliegende – und die Union könnte die Bodenhaftung verlieren. Wir brauchen also die Briten.

ZEIT: Sie loben die britische EU-Skepsis jetzt, aber jahrzehntelang wurde sie mit "EU-Feindlichkeit" gleichgesetzt. Die Skepsis gegenüber dem Euro, gegenüber Schengen und einer immer tieferen Integration galten als Ketzerei. Muss der Kontinent nicht Abbitte leisten?

Von der Leyen: Nein. Skepsis allein bringt Europa doch auch nicht voran. Mein Punkt ist: Das leidenschaftliche Verfechten europäischer Ideen, die pathetische Beschwörung des Großen und Ganzen, die pragmatische Lösung, die Zweifel, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist – all das muss zusammenkommen, wenn Europa gelingen soll. Dieser Mix hat ja auch zu großen Erfolgen geführt, seitdem die Briten vor 43 Jahren der EU beigetreten sind. Das wird leider vergessen.

ZEIT: Die Bilanz der Brexit-Befürworter sieht anders aus: Die Mitgliedschaft im Euro führt dazu, dass Südeuropa verarmt; die Freizügigkeit, das Schengen-Abkommen, hat Europa unsicherer gemacht; die Flüchtlingskrise überfordert die EU. Was sagen Sie diesen Kritikern?

Großbritannien und die EU

Was bedeutet Brexit?

Der Begriff ist eine Wortschöpfung aus Britain und Exit. Er beschreibt den möglichen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Er entstand in Anlehnung an den Grexit – den drohenden Austritt Griechenlands aus der Eurozone.

Warum ein Referendum?

Weil es Premierminister David Cameron den Wählern versprochen hat. Der Druck konservativer Abgeordneter und der EU-skeptischen Ukip war in den vergangenen Jahren so groß geworden, dass sich Cameron 2013 zum Handeln veranlasst sah. Er stellte ein Referendum bis spätestens 2017 in Aussicht, sollte er Premier bleiben. Vorher wollte er mit der EU über Reformen verhandeln, die Großbritanniens Vorstellungen von einer Europäischen Union entsprächen.

Wann ist mit dem Ergebnis zu rechnen?

Das Referendum findet am 23. Juni statt, die 382 Wahllokale schließen an diesem Donnerstag um 23 Uhr deutscher Zeit. Die Stimmzettel werden vor Ort ausgezählt, das jeweilige Ergebnis im Anschluss sofort verkündet. Das endgültige Ergebnis hängt davon ab, wie schnell die Stimmen ausgezählt sind. Mit einer klaren Tendenz wird gegen vier Uhr am Freitagmorgen gerechnet.

Was, wenn die Briten in der EU bleiben?

Dann können sie mit Zugeständnissen der EU rechnen. Der britische Premier Cameron und EU-Vertreter haben in den vergangenen Monaten ausgehandelt, dass für Großbritannien Ausnahmen und Sonderregelungen eingeführt werden können. Dazu gehört auch eine Notbremse, die es erlauben soll, bestimmte Sozialleistungen für zugewanderte EU-Bürger zu beschränken. Den EU-Gegnern gehen die Zugeständnisse nicht weit genug. Cameron sandte ein Versprechen hinterher: "Großbritannien wird nie Teil eines europäischen Superstaates sein." Sein Land werde seinen Sonderweg weitergehen. Auch die Euro-Währung solle nicht eingeführt werden.

Was, wenn Großbritannien für den Brexit stimmt?

Dann wird es superkompliziert. So viel steht fest: Ein EU-Austritt würde das Land nachhaltig verändern und die Konsequenzen wären hart. Pläne für den Tag nach dem Brexit gibt es, dennoch sind viele Fragen offen. Das Prozedere der Austrittsverhandlungen ist zwar in Artikel 50 der EU-Verträge geregelt, zwei Jahre wäre dafür Zeit. Dass der Übergang in so kurzer Zeit zu schaffen ist, halten Ökonomen jedoch für utopisch. Die Briten müssten spätestens 2018 sämtliche EU-Vorschriften überprüft, geändert und in britisches Recht überführt haben – eine Aufgabe, die kaum zu bewältigen scheint.

Hat schon einmal ein Land die EU verlassen?

Nein, Großbritannien wäre das erste Land, das die Staatengemeinschaft verließe. Im Zuge der Eurokrise wurde im vergangenen Jahr ein Austritt Griechenlands befürchtet, er konnte aber abgewendet werden.

Seit ihrer Gründung war die EU auf Erweiterung ausgelegt, in den vergangenen Jahrzehnten ist sie beständig gewachsen. Auch die EU-Verträge befassten sich zunächst weder mit dem Austritt noch mit dem Ausschluss eines Mitgliedslandes. Erst der 2009 geschlossene Vertrag von Lissabon enthielt erstmals eine Austrittsklausel.