Es war ein kurzes Gastspiel: Nur gerade drei Monate nachdem Bundesrat Ueli Maurer seine eigene Facebook-Seite ins Leben gerufen hatte, ließ er sie auch schon wieder abschalten. In seinen Präsidialjahr 2013 wollte er über seinen Alltag informieren und direkt mit den Leuten in Kontakt treten. Knapp 3.000 Facebook-Nutzer interessierten sich dafür – Maurer selber aber bald nicht mehr. Die Diskussionen in den sozialen Medien seien ihm zu oberflächlich. "Ich hätte mir mehr Substanz gewünscht."

Der SVP-Magistrat ist nicht der einzige Politiker, der große Hoffnungen auf das Internet setzte. Und nicht der Einzige, der von ihm enttäuscht wurde. Mehr Interaktion, mehr Dialog: Im Netz endet das allzu häufig in Diffamierungen und Beleidigungen. Gemäß einer Umfrage im Rahmen des World Internet Project glauben nur 18 Prozent der Schweizer, dass sie durch das Internet mehr Mitsprache erhalten haben.

Nun aber versuchen Internetaktivisten der Onlinedemokratie neuen Schub verleihen. Sie wollen damit nicht weniger als "die Schweizer Politiklandschaft umpflügen".

Das klingt ganz ähnlich wie vor 125 Jahren, als das Land die Volksinitiative einführte. Am 5. Juli 1891 sagte das Volk Ja zu einer entsprechenden Verfassungsänderung. Fortan war es möglich, einzelne Artikel der Bundesverfassung per Volksentscheid zu ändern. Damit wollte man die Bürger im noch jungen Bundesstaat stärker am politischen Prozess mitwirken lassen. Oder wie der konservative Obwaldner Ständerat Theodor Wirz damals sagte: "Ein freier Mann und ein freies Volk dürfen nicht nur ihre Vögte wählen, sie dürfen nicht nur Nein sagen, sie müssen auch schöpferisch und positiv ihrem Willen eine wirksame Manifestation verleihen dürfen".

Was also passiert, wenn nun diese ausgebauten Volksrechte auf eine digitale Gesellschaft treffen?

Die Skeptiker fürchten sich vor der Flut an Initiativen und Referenden. Es sei schon heute zu einfach, die dafür nötigen 100.000 beziehungsweise 50.000 Unterschriften zu sammeln. Die Digital-Optimisten frohlocken, das Internet werde die Kosten der direkten Demokratie senken. Also für viel mehr Bürger und deren Anliegen öffnen.

Tatsache ist: Immer mehr Schweizer nutzen das Internet nicht mehr nur fürs Shopping oder den Chat mit Freunden, sondern auch, um sich über Politik zu informieren. Das Forschungsinstitut GfS Bern hat im Rahmen der VOX-Analyse errechnet: Vor der Volksabstimmung am 28. Februar 2016 informierten sich 59 Prozent der Stimmberechtigten (auch) im Web – ein neuer Rekord. Gemäß dem World Internet Project informieren sich aber selbst regelmäßige Internetnutzer weiterhin hauptsächlich über die klassischen Kanäle. Allerdings zeigt dieselbe Studie auch: Web-User beteiligen sich doppelt so häufig an politischen Diskussionen wie Nichtnutzer, schreiben doppelt so häufig Protestbriefe – und zwar online wie offline. Das Internet beflügelt die politische Partizipation. Auch in der realen Welt.

Aber kann das Netz eine Abstimmung entscheiden? Ja, behaupteten viele Medien nach dem 28. Februar. Für sie waren es die Onlinekampagnen, welche die Durchsetzungsinitiative der SVP zu Fall brachten – insbesondere jene der Operation Libero sowie der sogenannte Dringende Aufruf einer Gruppe um den Publizisten Peter Studer. Allerdings nutzt lediglich ein kleiner Teil der Bürger Twitter und Facebook, um sich politisch zu informieren – im Gegensatz zu den Journalisten, die diese Thesen verbreiten. Es waren also kaum die Kampagnen in den sozialen Medien, die einen wesentlichen Teil des Stimmvolks von einem Nein überzeugten.