In den sozialen Netzwerken kursiert eine als Frage getarnte Zeitgeistkritik: "Seit wann ist aus Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll eigentlich Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer geworden?" Aby Warburg wäre ohne Zweifel begeistert gewesen und hätte die Sentenz sofort auf seiner Facebook-Seite gepostet – wenn er denn eine gehabt hätte. Der berühmte Hamburger Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler verstarb bekanntlich bereits 1929.

Da er zu Lebzeiten ohne das Internet auskommen musste, fand der spitzzüngige Bankierssohn andere Wege, seine Beobachtungen unters Volk zu bringen. Zum Beispiel folgenden Kommentar zu den diversen Reformbewegungen seiner Zeit: Sie sorgten, befand er, für "koffeinfreien Kaffee, femininfreie Frauen und edukationsfreie Erziehung". Von wegen, der Lebensstil des Verzichts auf alles, was Spaß macht, ist ein Auswuchs der modernen Wohlstandsgesellschaft! Er war schon vor über hundert Jahren en vogue. Früher war eben auch nicht alles besser.

Wenn in diesem Jahr Warburgs 150. Geburtstag groß gefeiert wird, dann liegt das an seiner erfrischenden Modernität. Weder nahm er ein Blatt vor den Mund, noch beließ er es dabei, es sich im Elfenbeinturm der Wissenschaft gemütlich zu machen. Im Gegenteil, Warburg blickte mit großer Leidenschaft über seinen Tellerrand hinweg und arbeitete grundsätzlich interdisziplinär. Wer heute als Kurator, Künstler oder Museumsdirektor etwas auf sich hält, beruft sich auf den weltläufigen Star der Zunft, der schon damals keinen Unterschied zwischen ernster und unterhaltender Kunst machte – und auf die von ihm begründete Ikonologie, eine Analysemethode, die inzwischen auch in den Kultur- und Kommunikationswissenschaften Anwendung findet. Seine These: Wir nehmen Bilder durch die Brille anderer Bilder wahr. Sie sind nicht auf ewig fixiert, sondern wandern über Zeiten und Räume hinweg, treten in andere Kontexte ein und gruppieren sich neu.

Der Ort in Hamburg, wo das Schaffen Warburgs besonders lebendig ist, ist das Warburg-Haus, das sich als interdisziplinäres Wissenschaftsforum versteht. Idyllisch in großbürgerlicher Nachbarschaft an der Alster gelegen, strahlt es schon von außen den Bildungsanspruch seines Namensgebers aus: Die zwei Lampen im Vorgarten wurden restauriert, sie sollen die Umgebung "als Leuchttürme der Aufklärung" erhellen. Drinnen dann das Prunkstück, seine "Arena", der Lese- und Vortragssaal, der seine riesige "Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg" enthielt, bevor diese 1933 mit zwei voll beladenen Frachtern nach England geschafft wurde, wo sie sich noch heute im Warburg Institute der University of London befindet.

Der Privatgelehrte Warburg redete am liebsten frei, weswegen viele seiner Gedanken unveröffentlicht blieben. Seine Vorträge konnten mehrere Stunden dauern, des Öfteren mussten erschöpfte Besucher aus dem Saal getragen werden. Er selbst schrieb an seine Frau, die Bildhauerin und Hamburger Reederstochter Mary Hertz, er habe "das Boot" seiner Rede "in voller Fahrt durch das mare magnum der ca. 250 Bilder 2 ½ Stunden lang gesteuert", einige Passagiere seien allerdings "seekrank" geworden, sie hätten "früher ausgeschifft" werden müssen.

Geboren wurde Warburg am 13. Juni 1866 als erstes von sieben Kindern in eine konservative jüdische Bankiersfamilie. Gegen deren Willen studierte er Kunstgeschichte und unternahm später eine ausgedehnte Reise in die USA, wo er in Arizona die Rituale der Pueblo-Indianer studierte.

Was ihn daran interessierte? "Dass der Zusammenhang zwischen heidnisch-religiösen Vorstellungen und künstlerischer Tätigkeit nirgends besser zu erkennen ist", sagte Warburg nach seiner Rückkehr anlässlich von Diavorträgen, bei denen er von seinen Erfahrungen berichtete.

Nachdem er, ebenfalls gegen den Willen der Familie, geheiratet hatte, zog das Paar nach Florenz, wo Warburg seine Renaissance-Forschungen ausweitete. Was er dort außerdem kultivierte, war der Hass auf Bildungsreisende, die mit quasireligiösem Eifer vor allem, was auch nur im Entferntesten nach Kunst aussah, auf die Knie fielen. "Übermenschen in den Osterferien" nannte er solche sentimentalen Zeitgenossen verächtlich – und man fragt sich, was er wohl vom heutigen Kunst-Jetset halten würde.

Wie nebenbei torpedierte er mit seinen Erkenntnissen über die wilden Seiten der Antike das von Winckelmann geprägte Idealbild der "edlen Einfalt und stillen Größe" und räumte am Beispiel von Dürer mit dem nationalistischen Stilbegriff auf.

Als Warburg unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges psychisch krank wurde und drei Jahre lang in einer Klinik behandelt werden musste, waren es wieder die Bilder, die ihm bei seiner Genesung halfen. Diesmal in ihrer kleinsten Form, als Briefmarken, die er leidenschaftlich sammelte. In seinen letzten Jahren widmete er sich einem Großprojekt, dem Mnemosyne-Atlas, einer umfangreichen Bildersammlung, mit der er das europäische Bildgedächtnis erforschen wollte.

Das Glück, sein Leben Büchern und Bildern widmen zu können, hat Warburg einem kuriosen Umstand zu verdanken. Der Legende nach trat er als 13-Jähriger seinem Bruder Max das Erbrecht auf das väterliche Bankhaus in Hamburg ab – gegen die scheinbar läppische Zusage, ihm im Gegenzug alle Bücher zu finanzieren, die er haben wollte. Nun, es ist eine Bibliothek von Weltrang daraus geworden. Eine Nummer kleiner wäre bei einem genialen Zeitgenossen wie Aby Warburg auch kaum denkbar gewesen.

Eine Auswahl kommender Veranstaltungen: 30. 6., 16 Uhr, Kunsthalle: "Pathosformel und Denkraum. Aby Warburg und die Hamburger Kunsthalle" 12. 7., 19 Uhr, Warburg-Haus: "Nachleben. Herkünfte und Kontexte eines Begriffs", Ulrich Raulff 18. 10., 19 Uhr, Warburg-Haus: "Method, Madness, and Montage. Aby Warburg to John Nash", W. J. T. Mitchell 22. 11., 19 Uhr, Warburg-Haus: "Per Astra ad Sphaerum: Aby Warburg and the Future of the Humanities", David Freedberg www.warburg-haus.de/events